Technik · Munition
Kopfstempel lesen
Der Bodenstempel als Befund — Aufbau, Lesereihenfolge und seine Grenzen
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Feldaufbau und Werkstoffkennungen sind mehrfach unabhängig belegt und durch Fundstücke bestätigt. Die Positionsangaben für die Kaiserzeit stammen aus einer einzigen Quellenfamilie und sind deshalb nur als plausibel geführt. Einzelne Code-Zuordnungen werden hier bewusst nicht tabelliert — die Begründung steht unten und im Eintrag zu den Polte-Bodenstempeln.
Munition ist in diesem Register kein Nebenschauplatz: Die Patrone bestimmt die Waffe, nicht umgekehrt — nachzulesen unter Patronenklassen und Munitionsfertigung. Der Kopfstempel ist der Befund, an dem sich diese Fertigung am Einzelstück fassen lässt.
Für die Praxis kommt ein Umstand hinzu, der ihn zum ergiebigsten Objektbefund dieses Gebiets macht: Er ist an erlaubnisfreiem Material zu erheben. Leere Hülsen, inerte Exemplare ohne Treibladung und Zündmittel sowie Schnittmodelle lassen sich erwerben, zerlegen, vermessen und dauerhaft archivieren.
Aufbau
Über die Zeit der P-Nummern und der Buchstabencodes gilt eine feste Anordnung nach Uhrzeitpositionen:
| Position | Feld |
|---|---|
| 12 Uhr | Herstellercode |
| 3 Uhr | Hülsenwerkstoff |
| 6 Uhr | Fertigungslos |
| 9 Uhr | Fertigungsjahr, zweistellig |
Im Kaiserreich war die Belegung eine andere — in der Friedensfertigung stand der Hersteller auf 6 Uhr, das Jahr auf 3 Uhr, der Monat auf 9 Uhr; in der Kriegsfertigung rückte das Jahr auf 12 Uhr und das Los auf 9 Uhr. Diese Angabe stützt sich auf eine einzige Quellenfamilie und ist entsprechend zurückhaltend zu behandeln.
Werkstoffkennungen auf der 3-Uhr-Position:
| Kennung | Bedeutung |
|---|---|
*, S* | Messinghülse |
St, St+ | Stahlhülse, lackiert oder phosphatiert; + = erhöhte Festigkeit |
| römische Ziffer + Kleinbuchstabe + arabische Ziffer | kupferplattierte Stahlhülse: Stahlwerk des Vormaterials, Plattierbetrieb, Stahlanalyse |
S67 (Kaiserreich) | Messing mit 67 % Kupferanteil |
Der Werkstoffwechsel von Messing zu Stahl ist damit unmittelbar am Stempel ablesbar — und er ist derselbe Vorgang der Rohstoffbewirtschaftung, der sich an der Waffe als Werkstoffsubstitution zeigt.
Lesereihenfolge
- Alle vier Felder vollständig aufnehmen, bevor eines gedeutet wird — auch leere Positionen. Eine fehlende Angabe ist selbst ein Befund.
- Jahr und Los zuerst. Sie sind unverschlüsselt und liefern den belastbarsten Anker.
- Werkstoff. Er ordnet das Stück grob in die Rohstofflage ein.
- Herstellercode zuletzt — und mit dem größten Vorbehalt, aus den drei Gründen unten.
- Physische Merkmale gegenprüfen: Zündhütchenart, Bodenform, Vorhandensein einer Rille zwischen Hersteller- und Werkstofffeld. Sie bestätigen oder widerlegen die Lesung.
Drei Dinge, die ein Kopfstempel nicht sagt
Er benennt keinen Ort. Ein Code steht für die zeichnungsberechtigte Firma zum Zeitpunkt der Zuteilung. Firmen hatten mehrere Werke, mehrere Codes, und Codes wechselten. Der Schluss vom Zeichen auf den Fertigungsort ist der häufigste Fehler dieses Gebiets — und dieses Register hat ihn selbst gemacht, siehe Korrekturen.
Er benennt nicht zwingend die richtige Firma. Das ist der ungewöhnlichere Fall, und er ist im
Untersuchungsraum belegt: Zwischen 1925 und 1940 diente das Präfix P als Tarnzeichen für
Munitionsfertigung; die angehängte Zahl bezeichnet einen fremden Hersteller. P131 ist DWM,
nicht Polte. Ausführlich im Eintrag zu den
Bodenstempeln der Polte-Werke.
Er benennt den Betreiber, nicht den Eigentümer. Mehrere als „Polte” gestempelte Werke waren reichseigene Anlagen, die die Firma nur im Auftrag betrieb. Wer aus dem Stempel auf Eigentumsverhältnisse schließt, verfehlt die Betriebsstruktur.
Warum hier keine Codetabelle steht
Aus demselben Grund wie bei den Fertigungskennzeichen: Codetabellen kursieren zu Tausenden und sind die häufigste Quelle falscher Ortszuschreibungen. Mehrere Fehler in ihnen lassen sich bis in die alliierten Nachkriegslisten zurückverfolgen und werden seither abgeschrieben — ein Werk in Brandenburg wird durchgängig nach Schlesien verlegt, eines im Eichsfeld nach Westfalen, und eine oHG erscheint als AG.
Aufgenommen werden hier deshalb nur Zuordnungen, die durch eine benannte Quelle gedeckt sind — und jede mit dem zugehörigen Werk, nicht nur mit dem Firmennamen.
Was offen bleibt
- Die Positionsbelegung der Kaiserzeit ist nur einfach belegt. Zugang: Fundstücke mit datierbarem Kontext, Abgleich mit der Standardliteratur.
- Der Beginn des P-Nummern-Systems wird zwischen 1925 und 1938 datiert. Ein dokumentiertes Fundstück mit Fertigungsjahr 1935 schließt die Spätdatierungen aus, steht aber als Einzelbefund gegen mehrere Sekundärquellen.
- Die Kennzeichnungssystematik der Polte-Fertigung im Einzelnen, insbesondere die Zuordnung einzelner Codes zu einzelnen Werken. Diese Frage ist ohne Archivzugang am Objekt zu bearbeiten und deshalb vorrangig; sie steht im Forschungsprogramm.
Beispiele im Register
Quellen
- [Online] IAA — Headstamp Codes — International Ammunition Association Link
- [Online] Taylor 2017 — Cartridge case terminology and identification Link
- [Online] Wikipedia (de) — Deutsche Fertigungskennzeichen Link
- [Literatur] Kent — Daniel W. Kent, German 7.9 mm Military Ammunition 1888–1945, 2. rev. Aufl., Ann Arbor 1990 (nicht eingesehen)