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OD WH

Modell

Volkssturmgewehr VG 1-5 (Gustloff)

Fertigung
Gustloff-Werke Suhl
Kaliber
7,92 × 33 mm Kurz
Zeitraum
1944–1945
Belegstatus
plausibel

So funktioniert sie

Ohne Fachbegriffe erklärt. Die genaue technische Beschreibung folgt darunter; wenn doch ein Wort unklar bleibt, steht es im Glossar.

Diese Waffe hat keine Verriegelung — nichts hakt ein, nichts dreht sich fest. Den Lauf hält im Augenblick des Schusses allein das Gewicht des Verschlusses zu, der fest mit einem dickwandigen Rohr verbunden ist; dieses Rohr umschließt den Lauf fast bis zur Mündung. Beide zusammen bilden ein einziges bewegliches Stück, das der Rückstoß nach hinten schiebt. Dabei wird die leere Patronenhülse herausgezogen und ausgeworfen, dann schiebt eine Feder alles wieder nach vorn, und die nächste Patrone kommt aus dem Magazin in den Lauf. Für eine so kräftige Patrone wäre bloßes Gewicht eigentlich zu wenig, und hier steckt der Kunstgriff: Zwischen Lauf und Rohr bleibt ein schmaler Ringraum, in den vier Bohrungen kurz vor der Mündung führen. Sobald das Geschoss sie passiert hat, strömt heißes Gas in diesen Raum und drückt gegen die zurücklaufende Baugruppe. Das Gas treibt hier also nichts an, wie es Gasbohrungen sonst tun, sondern bremst. Es bremst allerdings spät — erst wenn das Geschoss fünf Sechstel des Laufs hinter sich hat; im Augenblick des höchsten Drucks hält weiterhin nur die Masse. Der Zweck der ganzen Bauart war Sparen: Von 39 Metallteilen mussten nur zwölf spanend bearbeitet werden, der Rest kam aus der Presse. Bezahlt wird das mit hohem Gewicht, einem fest auf hundert Meter eingestellten Visier und der Empfindlichkeit des Ringspalts gegen Rückstände, denn er ist Führung und Bremskammer zugleich.

Suhl hat die Kurzpatrone zweimal beantwortet. Die erste Antwort war das MKb 42(H): verriegelt, gasbetrieben, dauerfeuerfähig, teuer. Die zweite entstand zwei Jahre später bei den Gustloff-Werken und beantwortete dieselbe Frage unter umgekehrten Vorzeichen. Gesucht war diesmal die billigste Waffe, die diese Patrone gerade noch beherrscht, und nicht die beste. Das Ergebnis ist eines der wenigen Serienerzeugnisse mit gasgebremstem Masseverschluss überhaupt. Zeitgleich arbeitete Kurt Horn bei Großfuß in Döbeln mit dem StG 45(G) für dieselbe Patrone nach demselben Grundgedanken; dort blieb es bei neun Versuchsstücken. Danach erscheint die Bauart erst wieder in den 1970er und 1980er Jahren bei Kurzwaffen, bei der H&K P7 und bei der Steyr GB, deren Verschlussprinzip in der Literatur ausdrücklich als Barnitzke-System nach dem Suhler Konstrukteur geführt wird.

Welches Werk? Dieser Eintrag führt das Suhler Stammwerk als Hersteller, und diese Zuweisung ist die schwächste Angabe des ganzen Eintrags. Für Suhl sprechen zwei Darstellungen und der Umstand, dass Barnitzke dort Chefkonstrukteur war; mindestens eine Darstellung verlegt die Fertigung in das Zweigwerk Weimar. Entschieden ist es nicht, und nach der eigenen Methodik dieses Registers darf es der Konstrukteur auch nicht entscheiden. Der übliche Ausweg über die Abnahmestempel versagt hier gerade: Die Waffe trägt keine. Beide Werke einzutragen wäre keine Lösung; es würde die unbewiesene Behauptung nur verdoppeln. Die Angabe bleibt deshalb bei einem Werk und dieser Vorbehalt sichtbar dabei.

Entwicklung

Die geläufige Bezeichnung VG 1-5 ist keine deutsche Dienstbezeichnung. Nach dem heutigen Forschungsstand taucht sie zuerst im amerikanischen Erprobungsbericht vom Juli 1945 auf und ist von dort in die Sammlerliteratur übergegangen. Sie führt in die Irre. Das Primitiv-Waffen-Programm brachte fünf Handrepetierer hervor, die tatsächlich VG 1 bis VG 5 hießen, von Walther, Spreewerk, Rheinmetall, Mauser und Steyr. Die Gustloff-Konstruktion gehörte nicht dazu. Zeitgenössisch begegnen Volkssturmgewehr, Selbstladegewehr und Selbstladekarabiner; eine neuere Darstellung hält Volksmaschinenpistole für den amtlich verwendeten Begriff, ein Museumskatalog führt das Stück als Volkssturmgewehr 45. Die Werksbezeichnung MP 507 gehört nach mehreren Darstellungen zur älteren, dauerfeuerfähigen Fassung der Konstruktion; ob sie auch den ausgelieferten Selbstlader bezeichnete, ist an keinem Primärdokument geprüft. Sachlich richtig ist Volkssturmgewehr Gustloff.

Der Selbstlader wurde dem Volksgewehr-Programm vorgelegt und im November 1944 abgelehnt. Die Gründe werden unterschiedlich angegeben (Kosten, Aufwand und Munitionsverbrauch; nach anderer Darstellung die Nähe zum StG 44). Gefertigt wurde er trotzdem, weil die Gauleiter zu diesem Zeitpunkt eigene Beschaffung betreiben durften, und Gauleiter Fritz Sauckel ließ die Waffe in Thüringen auflegen. Daher der Befund am Objekt: kein Waffenamt, dafür „Th.”

Konstruktion

Die Waffe hat keine Verriegelung. Was den Verschluss geschlossen hält, ist erstens seine Masse, zweitens die Schließfeder und drittens, für einen kurzen Abschnitt, eingeschlossenes Pulvergas. Der halbzylindrische Verschluss ist fest mit einem dickwandigen Rohr verstiftet, das den Lauf bis fast zur Mündung umschließt; beide bilden eine einzige bewegliche Baugruppe, mechanisch dasselbe Verhältnis wie Schlitten und Stoßboden einer Pistole. Zwischen Rohr und Lauf bleibt ein Ringraum, hinten begrenzt durch einen fest auf dem Lauf sitzenden Bund, vorn durch eine Buchse der beweglichen Baugruppe. In diesen Raum münden vier radiale Bohrungen im Lauf, um 90 Grad versetzt, rund 63 mm vor der Mündung.

Beim Schuss läuft die Baugruppe zunächst ungebremst an. Das Geschoss hat die Bohrungen noch nicht erreicht, diese Phase trägt allein die Trägheit der Masse. Passiert das Geschoss die Bohrungen, strömt Gas in den Ringraum und drückt auf beide Stirnflächen: nach hinten auf den feststehenden Bund, nach vorn auf die bewegliche Buchse. Nur die zweite Kraft ist mechanisch wirksam, und sie zeigt gegen den Rücklauf. Naheliegend wäre der Gedanke, die Kammer arbeite dabei wie ein pneumatischer Dämpfer, werde also mit dem Weg härter, weil die zurücklaufende Buchse auf den Bund zuwandert. Das trifft nicht zu. Die Kammer bleibt über die Bohrungen mit dem Laufinneren verbunden, und sobald das Geschoss ausgetreten ist, fällt der Laufdruck; das Gas strömt zurück, statt sich verdichten zu lassen. Die Bremskraft klingt ab. Nach etwa 25 mm Rücklauf hat die Buchse die Bohrungen überfahren, die Kammer öffnet sich nach vorn, die Bremswirkung endet. Den Rest des Zyklus leistet die Verschlussmasse allein.

Der Kern der Schwäche liegt darin, dass Bremsfläche und Führungsfläche identisch sind. Das Rohr gleitet auf demselben Lauf, in dessen Ringraum die Pulvergase eingeleitet werden. Ein Gasdrucklader kann seinen Zylinder abseits der Führung anordnen; hier geht das nicht, weil der Ringraum die Führung ist. Daraus folgen drei am Objekt unterscheidbare Ausfallbilder:

  1. Zugesetzte Bohrungen. Keine Bremswirkung, der Verschluss öffnet früher: Hülsenrisse, Auszieherschäden, harter Rücklaufanschlag.
  2. Verkokter Ringspalt. Die Baugruppe wird schwergängig, die Waffe repetiert unvollständig.
  3. Undichte Kammer. Verschleiß an Bund oder Buchse lässt Gas vorzeitig entweichen; die Bremse arbeitet zu schwach und unregelmäßig.

Die Gasbremse im Vergleich

Volkssturmgewehr (1945)H&K P7 (1976)Steyr GB (1981)
Anzapfungvier Bohrungen kurz vor der Mündungvor dem Patronenlagervor dem Patronenlager
Bremse wirktim letzten Sechstel des Laufwegesüber die ganze Hochdruckphaseüber die ganze Hochdruckphase
CharakterBremse aus Restdruck, nach dem Druckmaximumechte Verzögerungechte Verzögerung
Patrone7,92 × 33 mm Kurz9 × 19 mm9 × 19 mm
SerienumfangGrößenordnung 10.000, unsichermehrere Zehntausend15.000 bis 20.000

Entscheidend ist der Wirkungszeitpunkt und nicht die Bauart. P7 und Steyr GB zapfen dort an, wo der Druck am höchsten ist, und halten den Verschluss genau in dem Zeitfenster zu, in dem er zubleiben muss; die Gustloff-Waffe zapft an, wenn das Geschoss bereits fünf Sechstel des Laufes zurückgelegt hat. Daraus folgt eine Einordnung, die dieses Register als eigene Bewertung kennzeichnet und nicht als Quellenaussage: Im Augenblick des höchsten Drucks hält hier nicht das Gas, sondern die Masse. Die Gasbremse dämpft den Rücklauf; sie ersetzt keine Verriegelung.

Genau hier widersprechen sich die Quellen. Mehrere Darstellungen, darunter solche, die den Begriff „Barnitzke-System” verwenden, verorten die Anzapfung „nahe dem Patronenlager”. Damit ist die Steyr GB beschrieben, rückübertragen auf ihren Vorläufer. Alle Beschreibungen, die an konkreten Stücken gearbeitet haben, nennen dagegen übereinstimmend vier Bohrungen kurz vor der Mündung. Dieser Eintrag folgt ihnen und benennt den Widerspruch, statt ihn zu glätten.

Fertigung

AngabeHerkunftBewertung
rund 10.000Nachkriegsangabe des Konstrukteursam häufigsten genannt, aber Einzelaussage
rund 24.000ohne erkennbare Quelle in Sekundärliteraturnicht nachvollziehbar
höchste Nummer Th. 9901Museumskatalogeinziger objektnaher Anhalt

Der Seriennummernbefund stützt zehntausend eher als vierundzwanzigtausend. Er belegt es aber nicht. Eine vergebene Nummer ist keine ausgelieferte Waffe, und ob durchgehend nummeriert wurde, ist ungeklärt. Der redliche Satz lautet: Die Fertigung lag wahrscheinlich in der Größenordnung von zehntausend Stück; ein Beleg dafür fehlt. Dass die Waffe an die Front kam, ist dagegen besser gestützt als bei den meisten Notkonstruktionen des Programms. Sie ist auf Aufnahmen bei Volkssturmeinheiten an der Oderfront überliefert.

Zwangsarbeit

Diese Waffe entstand ab dem Jahreswechsel 1944/45 in einem Betrieb, dessen Belegschaft seit Jahren zu einem erheblichen Teil aus Menschen bestand, die dort nicht freiwillig arbeiteten. Die Gustloff-Werke waren aus dem der Familie Simson entzogenen Vermögen gebildet worden; die Wilhelm-Gustloff-Stiftung ist keine Erwerberin, sie ist die Rechtsform, in die das Raubgut überführt wurde. Ab Frühjahr 1942 wurden im Kombinat systematisch Zwangsarbeiterinnen, Zwangsarbeiter und Häftlinge des KZ Buchenwald eingesetzt. Für das Suhler Werk ist die Vorbereitung archivalisch greifbar. Vom 15. Juli bis 1. Oktober 1943 bestand auf dem Werksgelände ein Außenlager des KZ Buchenwald mit 80 gleichzeitig untergebrachten Häftlingen; insgesamt durchliefen es 91. Ihr Arbeitsauftrag bestand darin, ein Barackenlager für die künftigen ausländischen Zwangsarbeiter des Werkes zu errichten. Ein Häftling, der 36-jährige Pole Edward Piskorz, Vater von vier Kindern, wurde am 19. Juli 1943 von einem SS-Posten erschossen, bei einem angeblichen Fluchtversuch.

Das gehört in diesen Eintrag und nicht in eine Fußnote der Firmengeschichte. Die Volkssturmbewaffnung wird gern als technische Kuriosität erzählt: billige Waffe, verzweifelte Lage, interessanter Verschluss. Der vollständige Satz lautet anders. Eine Gesellschaft, die ihre Sechzehnjährigen und ihre Sechzigjährigen bewaffnete, ließ diese Waffen dort herstellen, wo Menschen unter Zwang arbeiteten. Siehe Die Waffenregion im Nationalsozialismus.

Einordnung

Erstens als Gegenprobe zum Sturmgewehr. Beide Waffen verschießen dieselbe Patrone, kommen aus derselben Stadt und beanspruchen dieselbe Rolle. Der Vergleich isoliert damit genau eine Variable, die Bauartentscheidung, und zeigt zugleich eine Grenze der Registerthese, die Patrone bestimme die Bauart. Sie eröffnete hier zwei Wege, nicht einen.

Zweitens als Beleg für eine seltene Verschlussbauart. Die Systematik unter Verschlusssysteme ordnet Masseverschluss und Verriegelung als die beiden Grundantworten; der gasgebremste Masseverschluss ist die schmale dritte Spur dazwischen, unverriegelt, aber nicht ungebremst. Für die Bestimmungsarbeit folgt daraus eine Warnung. Eine Gasentnahmebohrung am Lauf beweist keinen Gasdrucklader. Das zusätzliche Prüfmerkmal lautet: Treibt das abgezweigte Gas ein Teil an, oder hält es eines auf?

Drittens als Objekt mit ungewöhnlicher Beschaffungslinie. Kein Waffenamt, keine Heeresabnahme, nur ein Präfix „Th.” für den Gau Thüringen. Man muss diesen Befund kennen, um ihn nicht für einen Mangel zu halten, und zugleich fehlt damit ausgerechnet die Quellengattung, über die dieses Register Fertigungsorte sonst absichert.

Waffenrechtliches

Die Waffe ist ein Selbstlader ohne Dauerfeuer und damit keine Kriegswaffe nach dem Kriegswaffenkontrollgesetz, anders als das StG 44, mit dem sie die Patrone teilt. Siehe Methodik.

Zwei Punkte sind an einem konkreten Stück gleichwohl gesondert zu prüfen. Erscheinungsbild: Für halbautomatische Langwaffen, die einer vollautomatischen Kriegswaffe nachgebildet sind, enthält die Waffenliste des Waffengesetzes ein eigenes Verbot; die Gustloff-Konstruktion ist keine Nachbildung; sie ist eine eigenständige Konstruktion der Zeit selbst. Die Einordnung im Einzelfall obliegt der zuständigen Behörde. Magazin: Wechselmagazine für Zentralfeuermunition, die in halbautomatische Langwaffen eingeführt werden können und mehr als zehn Patronen fassen, sind nach der Waffenliste verbotene Gegenstände; das serienmäßige Magazin fasst 30. Das betrifft nicht die Waffe, wohl aber ihr Zubehör. Dieses Register gibt keine Rechtsauskunft.

Offene Forschungsfragen. Erstens der Fertigungsort innerhalb des Gustloff-Kombinats, Suhl, Weimar oder beides: Es gibt dafür bislang keine Betriebs- oder Abnahmequelle, nur die Konstruktionsherkunft, und die ist nach der Methodik dieses Registers kein Herstellernachweis. Zweitens die Fertigungszahl: Existieren Lieferlisten der Gauführung Thüringen, die die Angabe von rund 10.000 Stück stützen oder widerlegen? Drittens die Bezeichnung: Gibt es ein zeitgenössisches Dokument, das den Selbstlader „MP 507” oder „Volksmaschinenpistole” nennt? Viertens, ob das Patronenlager tatsächlich gerieft ausgeführt war, an einem gemessenen Stück in Minuten zu klären. Fünftens, und hier am wichtigsten: Welche Belegschaft hat diese Waffen im Frühjahr 1945 gefertigt? Für das Suhler Werk ist der Umfang des Zwangsarbeitereinsatzes noch offen.

Konstruktion

Verschluss
Gasgebremster (gasdruckverzögerter) Masseverschluss ohne jede Verriegelung. Der Verschluss ist fest mit einem den Lauf umschließenden Rohr verstiftet; im Ringraum dazwischen wirken kurz vor der Mündung abgezweigte Pulvergase dem Rücklauf entgegen.
Ladeprinzip
Rückstoßlader, unverriegelt, gasgebremst — kein Gasdrucklader: Die abgezweigten Gase treiben nichts an, sie bremsen nur. Geschlossener Verschluss, Hahnzündung.
Zuführung
Gekrümmtes Stangenmagazin des MP 43/StG 44, 30 Patronen; überliefert sind auch Magazine für 10 Patronen — eine Darstellung führt sie auf die Vorgabe des Volksgewehr-Programms zurück, das zehnschüssige Magazine verlangte (so auch beim VG 1).
Abzug
Hahnschloss, ausschließlich Einzelfeuer; Abzugsgruppe als geschlossene Baugruppe entnehmbar
Sicherung
Einfacher Sicherungshebel an der Abzugsgruppe, gehalten durch eine Prägung der Gehäuseschale
Visierung
Feste Visierung — Kimme mit U-Ausschnitt auf etwa 100 m, Balkenkorn; eine Entfernungseinstellung war nicht vorgesehen.

Maße und Leistung

Länge
885–886 mm
Lauflänge
374–380 mm (Quellen schwanken; 14,9 Zoll entspricht 378 mm)
Gewicht
ca. 4,3–4,7 kg ungeladen (Museum Prag 4,6 kg) — kein Gewichtsvorteil gegenüber dem StG 44
Magazin
30 Patronen (Magazin des MP 43/StG 44)
V₀
nicht belegt; wegen des kürzeren Laufs unterhalb der Werte des StG 44 zu erwarten

Funktionsablauf im Einzelnen

Der Zyklus vom Schuss bis zur erneuten Verriegelung, Schritt für Schritt. Wer ihn benennen kann, hat die Waffe verstanden — Schwächen, Varianten und Ausfallbilder folgen daraus. Unbekannte Begriffe stehen im Glossar.

  1. 1

    Ruhelage

    Verschluss geschlossen, Hahn gespannt, Patrone im Lager. Verschluss und Rohr sind allein durch Masse und Schließfeder gehalten — mechanisch der Zustand einer Pistole mit Masseverschluss, nur mit einer Patrone, die dafür weit zu stark ist.

  2. 2

    Zündung und erste Rücklaufphase

    Der Gasdruck presst die Hülse gegen den Stoßboden. Eine Gasbremse wirkt noch nicht — das Geschoss erreicht die Bohrungen erst kurz vor der Mündung; diese Phase trägt allein die Trägheit der Masse.

  3. 3

    Gaseintritt in die Ringkammer

    Passiert das Geschoss die vier um 90 Grad versetzten Radialbohrungen etwa 63 mm vor der Mündung, strömt Gas in den Ringraum — hinten begrenzt durch einen festen Bund auf dem Lauf, vorn durch eine Buchse der beweglichen Baugruppe. Wirksam ist nur die Kraft auf die Buchse: nach vorn, gegen den Rücklauf.

  4. 4

    Abklingen der Bremskraft und Abbruch

    Die Ringkammer bleibt über die Bohrungen mit dem Laufinneren verbunden. Sobald das Geschoss die Mündung verlassen hat, fällt der Laufdruck, und das Gas strömt aus der Kammer dorthin zurück — die Bremskraft klingt ab, statt mit dem Weg zu wachsen. Nach etwa 25 mm überfährt die Buchse die Bohrungen, die Kammer öffnet sich nach vorn, die Bremswirkung endet.

  5. 5

    Auszug, Auswurf, Vorlauf

    Auszieher und Auswerfer entfernen die Hülse, der Hahn wird gespannt; die Nachladearbeit leistet allein die Verschlussmasse. Die vordere Endlage ist zugleich die Schussstellung. Zwei Beschreibungen nennen ein gerieftes Patronenlager — bei unverriegelter Öffnung unter Restdruck die übliche Abhilfe gegen Hülsenklemmer; am Stück nachgemessen ist es hier nicht.

Gasgebremster Masseverschluss — unverriegelt, Bremse aus Pulvergas

Schemaskizze, nicht maßstäblich

1 2 Bremskraft 3
  1. 1 Ausgangslage: Kein Riegel, keine Rollen. Der Verschluss wird nur von seiner Masse und der Schließfeder gehalten — wie beim einfachen Masseverschluss.
  2. 2 Gasentnahme als Bremse: Beim Schuss strömt Pulvergas durch Bohrungen aus dem Lauf in einen Ringraum oder Zylinder und drückt dort gegen eine Fläche der beweglichen Baugruppe. Diese Kraft wirkt der Öffnungsbewegung ENTGEGEN — der Gasdruck bremst den Verschluss, statt ihn wie beim Gasdrucklader anzutreiben.
  3. 3 Abklingen: Sobald der Laufdruck fällt, strömt das Gas durch dieselben Bohrungen zurück; die Bremskraft klingt ab, und der Verschluss öffnet. Der Ringraum verdichtet dabei nicht — es ist eine Druck-, keine Dämpferkennlinie.

Vergleichsstücke außerhalb der Region

Ohne Maßstab ist eine Regionalgeschichte eine Aufzählung. Erst der Vergleich mit der zeitgleichen Konkurrenz zeigt, was an einer Konstruktion eigenständig ist, was zeittypisch — und was schlicht übernommen wurde.

MKb 42(H) / Sturmgewehr 44

C. G. Haenel · Deutschland (Suhl) · 1942
System
Gasdrucklader mit Langhubkolben und Kippblockverschluss, verriegelt, Einzel- und Dauerfeuer, gleiche Patrone 7,92 × 33 mm Kurz
Unterschied
Gleiche Patrone, gleiche Aufgabe, gleiche Stadt. Das StG 44 löst sie mit Verriegelung, Gaskolben und Dauerfeuer, die Gustloff-Konstruktion mit Verschlussmasse, Gasbremse und Einzelfeuer — bei rund drei angestrebten Fertigungsstunden je Waffe.
Befund
Zeigt, was die billigere Bauart kostet: Dauerfeuer, verstellbare Visierung, Reichweite, Unempfindlichkeit. Nicht gespart wurde beim Gewicht.

Heckler & Koch P7

Heckler & Koch · Deutschland (Oberndorf am Neckar) · 1976 plausibel
System
Gasdruckverzögerter Masseverschluss, Anzapfung unmittelbar vor dem Patronenlager
Unterschied
Dieselbe Grundidee — bremsen statt verriegeln —, an entscheidender Stelle anders ausgeführt. Die P7 bremst während der gesamten Hochdruckphase; die Gustloff-Bremse setzt erst ein, wenn das Geschoss fünf Sechstel des Laufes durchlaufen hat.
Befund
Trennt die Bauart (bei beiden gasgebremster Masseverschluss) vom Wirkungszeitpunkt: bei der P7 echte Verzögerung, hier eine Bremse aus dem Restdruck nach dem Druckmaximum.

Steyr GB

Steyr-Daimler-Puch · Österreich · 1981 plausibel
System
Gasgebremster Masseverschluss (GB für Gasbremse), Anzapfung vor dem Patronenlager, 9 × 19 mm
Unterschied
Die bekannteste Selbstladepistole, deren Verschlussprinzip in der Literatur ausdrücklich als Barnitzke-System nach dem Suhler Konstrukteur geführt wird — mit ausdrücklichem Verweis auf das Volkssturmgewehr als erste Anwendung.
Befund
Zeigt Reichweite und Grenze der Bauart: Serie 1981 bis 1988, Größenordnung 15.000 bis 20.000 Stück, keine Behördeneinführung.

Volksgewehr VG 1

Carl Walther · Deutschland (Zella-Mehlis) · 1944 plausibel
System
Handrepetierer mit Drehkopfverschluss in Blechgehäuse, Vollpatrone 7,92 × 57 mm
Unterschied
Dieselbe Ausschreibung, dieselbe Region, gegenteilige Sparlogik: Das VG 1 verzichtet auf den Selbstlader, die Gustloff-Waffe auf die Verriegelung.
Befund
Ordnet zugleich die Bezeichnungsfrage: VG 1 bis VG 5 sind die Handrepetierer des Programms. Die Gustloff-Konstruktion gehört nicht in diese Reihe und trägt ihre geläufige Nummer zu Unrecht.

Gewehr 43 / Karabiner 43

Carl Walther, Berlin-Lübecker Maschinenfabrik, Gustloff-Werke · Deutschland · 1943
System
Gasdrucklader mit Kurzhubkolben und Flappenverriegelung, Vollpatrone 7,92 × 57 mm
Unterschied
Der Selbstlader, den derselbe Konzern parallel in Serie hatte — verriegelt, für die volle Gewehrpatrone, mit verstellbarer Visierung.
Befund
Der Abstand zwischen beiden misst nicht Können, sondern Absicht.

Bekannte Schwächen

Konstruktive und fertigungsbedingte Mängel gehören zur Objektkunde: Sie erklären Umbauten, Varianten und Ausfallbilder — und sind bei der Zustandsbeurteilung am Einzelstück unmittelbar praktisch.

  • Verschmutzung des Ringspalts und der Gasbohrungen

    Bremsfläche und Führungsfläche sind dieselbe Fläche: Das Rohr gleitet auf demselben Lauf, in dessen Ringraum die Pulvergase eingeleitet werden. Rückstände legen sich genau dort ab, wo die Baugruppe leichtgängig bleiben muss, und setzen zugleich die Bohrungen zu. Bei der Zustandsbeurteilung ist der Ringspalt der erste Prüfpunkt, noch vor dem Laufinneren.

    plausibel

  • Enge Passungen in einer Waffe des Sparprogramms

    Von 39 Metallteilen erforderten nur 12 eine spanende Bearbeitung — aber genau die tragenden: Lauf, Rohr, Bund, Buchse, Verschluss. Die Gasbremse funktioniert nur bei enger Passung; eine Waffe für ungeschulte Träger hing damit an der Fertigungsgüte, die das Programm einsparen wollte.

    plausibel

  • Zuführungsstörungen im Versuch

    Der amerikanische Erprobungsbericht (Aberdeen Proving Ground, Juli 1945, Nr. 06-64-TM-OC) nennt die Waffe grob gefertigt, die Treffleistung schlecht, die Funktion ausreichend „mit Ausnahme wiederkehrender Zuführungsstörungen" — und hält sie im Ergebnis dennoch für ihre Aufgabe geeignet. Wie repräsentativ ein einzelnes Beutestück ist, lässt sich nicht sagen.

    plausibel

  • Feste Visierung und Gewicht ohne Gegenleistung

    Die Visierung ist auf etwa 100 m fest eingerichtet, obwohl die Kurzpatrone auf Entfernungen bis etwa 400 m ausgelegt war. Dazu rund 4,3 bis 4,7 kg für einen Selbstlader ohne Dauerfeuer: Der Masseverschluss zwingt die Masse auf — gespart wurde an Fertigungszeit, nicht an Material.

    plausibel

  • Keine Abnahmezeichen

    Überlieferte Stücke tragen keine Waffenamt-Abnahme, sondern nur eine Seriennummer mit vorangestelltem „Th." auf dem Schaft — kein Kennzeichnungsmangel, sondern der Ausweis der Beschaffung über die Gauführung. Damit fehlt aber gerade die Quellengattung, über die sich der Fertigungsort sonst absichern ließe.

    plausibel

Verwendung

  • Volkssturm, ausgegeben über die Gauführung Thüringen; keine Heeresabnahme nachweisbar
  • Dem Volksgewehr-Programm 1944 vorgelegt und im November 1944 abgelehnt; Fertigung gleichwohl auf Betreiben des Gauleiters Fritz Sauckel — erste Stücke Ende 1944, Serie von Januar bis April/Mai 1945
  • Anders als die meisten Notkonstruktionen des Programms im Fronteinsatz bildlich überliefert, überwiegend an der Oderfront östlich von Berlin
  • Nach 1945 als Beutestück erprobt; heute museal und im Sammlerbestand

Quellen

  1. [Online] Wikipedia (de) — Volkssturmgewehr VG 1-5 Link
  2. [Online] Wikipedia (en) — Volkssturmgewehr Link
  3. [Objektbefund] Vojenský historický ústav Praha — Volkssturmgewehr 45 (MP 507) , Exemplar Th. 6711, erworben 1981; höchste bekannte Nummer Th. 9901 Link
  4. [Objektbefund] The Armourer's Bench — Examining a Gustloff Volkssturmgewehr , Untersuchung des Exemplars Th. 9307 Link
  5. [Online] Small Arms Review — VG1-5: Firing the Unlocked Rifle Link
  6. [Online] American Rifleman — Volkssturmgewehr: The German VG1-5 People's Storm Rifle Link
  7. [Archiv] Gedenkstätte Buchenwald — Außenlager Suhl , Barackenbau für ausländische Zwangsarbeiter der Gustloff-Werke, 15. Juli bis 1. Oktober 1943 Link
  8. [Online] LAI Publications — The Gustloff Volkssturmgewehr rifle , Maße, Magazinfrage, Fertigung in Weimar, 28 bekannte Exemplare — in einzelnen Punkten von den übrigen Darstellungen abweichend Link
  9. [Objektbefund] Forgotten Weapons — Two VG1-5 Gustloff Last Ditch Rifles at RIA , vier Gasbohrungen in der vorderen Laufhälfte, Kammer im Mündungsstück Link
  10. [Online] Wikipedia (en) — Steyr GB Link
  11. [Online] Wikipedia (en) — Grossfuss Sturmgewehr , zeitgleiche Parallelkonstruktion, neun Versuchsstücke Link
  12. [Online] Bundesministerium der Justiz — Waffengesetz, Anlage 2 (Waffenliste) Link

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