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OD WH

Modell

Dreyse M1907

Fertigung
Rheinmetall Sömmerda
Kaliber
7,65 mm Browning
Zeitraum
1907–1918
Belegstatus
plausibel

So funktioniert sie

Ohne Fachbegriffe erklärt. Die genaue technische Beschreibung folgt darunter; wenn doch ein Wort unklar bleibt, steht es im Glossar.

Die M1907 arbeitet nach dem einfachsten Prinzip des Selbstladens: Der Lauf sitzt fest im Rahmen, und das Verschlussstück dahinter wird im Augenblick des Schusses allein durch sein Gewicht und eine kräftige Feder an seinem Platz gehalten. Beim Abdrücken schnellt ein federgetriebener Bolzen vor und zündet die Patrone. Der Druck der Pulvergase treibt das Geschoss durch den Lauf und schiebt zugleich die Hülse nach hinten gegen das Verschlussstück; dieses weicht zurück, nimmt die leere Hülse mit und wirft sie aus, spannt dabei den Bolzen neu und drückt die Feder zusammen. Die Feder schiebt das Verschlussstück wieder nach vorn, und dabei nimmt es die nächste Patrone aus dem Magazin im Griff mit in den Lauf. Ungewöhnlich an dieser Pistole ist, wo das Verschlussstück liegt: nicht wie sonst als Schlitten rings um den Lauf, sondern zum größten Teil über ihm — nur ein kurzer, nach unten gezogener Ansatz dahinter verschließt den Lauf tatsächlich. Durchgesetzt hat sich diese Anordnung nicht; die belgischen Browning-Pistolen derselben Jahre erreichten dasselbe mit weniger Aufwand. Zwei Eigenheiten sieht man dem Stück an: Ist die Waffe gespannt, ragt das hintere Ende des Bolzens sichtbar heraus — das verrät allerdings nur, dass gespannt ist, nicht, ob eine Patrone im Lauf steckt. Und zum Reinigen klappt das gesamte Oberteil um einen Stift vor dem Abzugsbügel nach vorn auf.

Die M1907 verbindet zwei Stränge der thüringischen Waffengeschichte. Der eine ist der Standort der Dreyse’schen Werke in Sömmerda, 1901 von der Rheinischen Metallwaren- und Maschinenfabrik übernommen, wobei der Markenname weitergeführt wurde. Der andere ist der Konstrukteur Louis Schmeisser, dessen Sohn Hugo drei Jahrzehnte später in Suhl das Sturmgewehr entwickeln sollte. Siehe Die Schmeissers.

Konstruktion

Die M1907 ist ein einfacher unverriegelter Rückstoßlader. Ihre Anordnung teilt allerdings kein zweites Modell dieses Registers. Der gekröpfte Verschluss liegt größtenteils über dem Lauf; nur ein kurzes, nach unten ragendes Stück hinter dem Patronenlager wirkt als eigentlicher Verschlussblock. Dieser läuft in einem flachseitigen Rahmen, dessen Brücke die Kimme trägt und den oberen Verschlussabschnitt abfängt. Zum Reinigen klappen Rahmen, Gehäuse und Verschluss um einen Stift vor dem Abzugsbügel nach vorn auf.

Für die Bestimmung

Bei schussbereiter Waffe ragt der Schlagbolzen hinten aus dem Verschlussblock. Diese Spannanzeige gehört zu den frühesten Zustandsanzeigen im Pistolenbau überhaupt, zwei Jahrzehnte vor der Ladeanzeige der Walther PP. Das Klappscharnier vor dem Abzugsbügel ist ein Verschleißpunkt und bei der Zustandsbeurteilung zuerst zu prüfen.

Einordnung

Durchgesetzt hat sich die Lösung nicht. Die zeitgleichen Browning-Konstruktionen erreichten dasselbe mit weniger Aufwand. Für die Sammlung ist die M1907 gerade deshalb interessant: Sie dokumentiert einen konstruktiven Seitenweg, den nur dieser Standort ging.

Konstruktion

Verschluss
Unverriegelter Masseverschluss in ungewöhnlicher Anordnung: Der gekröpfte Verschluss liegt größtenteils oberhalb des Laufs; nur ein kurzer, nach unten ragender Abschnitt hinter dem Patronenlager dient als eigentlicher Verschlussblock.
Ladeprinzip
Rückstoßlader, unverriegelt (Blowback)
Zuführung
Einreihiges Stangenmagazin, 7 Patronen
Abzug
Schlagbolzenschloss, Single Action
Sicherung
Der Schlagbolzen ragt bei gespannter Waffe hinten aus dem Verschlussblock — eine der frühesten Spannanzeigen im Pistolenbau
Visierung
Feste Kimme auf einer Brücke des Rahmens, die zugleich den oberen Verschlussabschnitt führt und abfängt

Maße und Leistung

Länge
160 mm
Lauflänge
92 mm
Gewicht
710 g
Magazin
7 Patronen
V₀
ca. 305 m/s

Funktionsablauf im Einzelnen

Der Zyklus vom Schuss bis zur erneuten Verriegelung, Schritt für Schritt. Wer ihn benennen kann, hat die Waffe verstanden — Schwächen, Varianten und Ausfallbilder folgen daraus. Unbekannte Begriffe stehen im Glossar.

  1. 1

    Ruhelage

    Der gekröpfte Verschluss liegt größtenteils **oberhalb** des feststehenden Laufs. Nur ein kurzer, nach unten ragender Abschnitt hinter dem Patronenlager wirkt als eigentlicher Verschlussblock. Er läuft in einem flachseitigen Rahmen, dessen Brücke die Kimme trägt und den oberen Verschlussabschnitt abfängt.

  2. 2

    Zündung und Trägheitsphase

    Der Schlagbolzen zündet die Patrone. Die Verzögerung besorgt allein die Masse des Verschlusses gegen die kräftige Verschlussfeder — dieselbe Wirkungsweise wie bei allen Waffen dieser Klasse, nur mit ungewöhnlicher Massenverteilung durch die hochliegende Anordnung.

  3. 3

    Öffnen und Ausziehen

    Der Verschluss läuft zurück; der Auszieher hält die Hülse, der Auswerfer entfernt sie.

  4. 4

    Spannen und Spannanzeige

    Der Schlagbolzen wird gespannt. Bei schussbereiter Waffe **ragt er hinten aus dem Verschlussblock heraus** — eine der frühesten Zustandsanzeigen im Pistolenbau überhaupt, zwei Jahrzehnte vor der Ladeanzeige der Walther PP. Sie zeigt allerdings den Spann-, nicht den Ladezustand: ein feiner, aber für die Beurteilung wesentlicher Unterschied.

  5. 5

    Vorlauf und Zuführung

    Die Verschlussfeder treibt vor; der Stoßboden führt die nächste Patrone aus dem siebenschüssigen Magazin zu.

  6. 6

    Zerlegen zur Reinigung

    Rahmen, Gehäuse und Verschluss klappen um einen Stift vor dem Abzugsbügel nach vorn auf. Das Scharnier ist der am stärksten beanspruchte Punkt der Konstruktion und bei der Zustandsbeurteilung zuerst auf Spiel zu prüfen — ein ausgeschlagenes Scharnier verändert die Lage des Verschlussblocks zum Patronenlager.

Masseverschluss — unverriegelter Rückstoßlader

Schemaskizze, nicht maßstäblich

1 2 3
  1. 1 Verschlussruhelage: Die Schließfeder presst den Verschluss gegen den feststehenden Lauf. Verriegelt ist nichts — es hält allein die Masse.
  2. 2 Schuss: Der Gasdruck treibt Geschoss und Hülse auseinander. Der Verschluss beginnt zurückzuweichen, bewegt sich wegen seiner Trägheit aber nur wenige Zehntelmillimeter, bis das Geschoss den Lauf verlassen hat.
  3. 3 Rücklauf: Erst nach dem Druckabfall öffnet der Verschluss weit, wirft die Hülse aus und spannt die Feder.

Vergleichsstücke außerhalb der Region

Ohne Maßstab ist eine Regionalgeschichte eine Aufzählung. Erst der Vergleich mit der zeitgleichen Konkurrenz zeigt, was an einer Konstruktion eigenständig ist, was zeittypisch — und was schlicht übernommen wurde.

Browning M1910 (FN)

Fabrique Nationale de Herstal · Belgien · 1910
System
Unverriegelter Masseverschluss, 7,65 mm Browning, Schließfeder um den Lauf, Schlagbolzenschloss, Griff- und Hebelsicherung
Unterschied
Die zeitgleiche Konkurrenz mit der Lösung, die sich durchsetzte: klassischer Schlitten, der den Lauf umschließt, Schließfeder um den Lauf. Sie erreicht dasselbe mit weniger Teilen und ohne aufwendiges Rahmenoberteil.
Befund
Der direkte Beleg dafür, dass die Dreyse-Anordnung ein konstruktiver Seitenweg war. Genau deshalb ist sie sammlungs- und forschungsrelevant: Sie dokumentiert eine verworfene Alternative.

Walther PP

Carl Walther · Deutschland (Zella-Mehlis) · 1929
System
Masseverschluss, Spannabzug, Entspannhebel, Ladeanzeige
Unterschied
Zweiundzwanzig Jahre später und im selben Thüringen — aber mit Ladeanzeige statt bloßer Spannanzeige und mit Spannabzug. Die Dreyse zeigt, **ob gespannt ist**; die PP zeigt, **ob geladen ist**. Das zweite ist die sicherheitsrelevante Information.
Befund
Zusammen ergeben beide die Thüringer Entwicklungslinie der Zustandsanzeige, die in der Pistole 38 ihren Abschluss fand — siehe Abzugs- und Sicherungssysteme.

Bekannte Schwächen

Konstruktive und fertigungsbedingte Mängel gehören zur Objektkunde: Sie erklären Umbauten, Varianten und Ausfallbilder — und sind bei der Zustandsbeurteilung am Einzelstück unmittelbar praktisch.

  • Konstruktive Eigenwilligkeit

    Die Anordnung des Verschlusses über dem Lauf mit abgesetztem Verschlussblock war eine Sonderlösung, die sich nicht durchsetzte. Sie erfordert ein aufwendiger gearbeitetes Rahmenoberteil als die zeitgleichen Browning-Konstruktionen — bei gleicher Leistung.

    plausibel

  • Schwaches Dienstkaliber

    Wie alle Behördenpistolen dieser Generation ist die M1907 auf 7,65 mm Browning begrenzt. Für den militärischen Gebrauch im Ersten Weltkrieg war sie damit eine Behelfs-, keine Ordonnanzwaffe.

    plausibel

  • Federkraft und Handhabung beim Repetieren

    Die kräftige Verschlussfeder wird in Sammlerkreisen regelmäßig als schwergängig beschrieben. Belastbare Angaben oder Ausfallbilder liegen hier nicht vor — offene Rechercheaufgabe, kein bestätigter Mangel.

    ungeklärt

Verwendung

  • Beschaffung durch deutsche Polizeibehörden ab 1907
  • Im Ersten Weltkrieg als Behelfs- und Offizierswaffe verwendet
  • Auch in österreichisch-ungarischen Beständen nachweisbar

Quellen

  1. [Online] Wikipedia (en) — Dreyse M1907 Link
  2. [Online] swisswaffen.com — Waffen-Details Dreyse M1907 Link
  3. [Online] Classic Pistols — Dreyse M1907 — History, Technical Data & Variants Link

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