Stempelkunde
Sowjetische Instandsetzungszeichen — Arsenale und Reparaturdepots
Zeichen der sowjetischen Grundinstandsetzung: bis in die frühe Nachkriegszeit ein „Р" mit Depotnummer oder Militärbezirkskürzel, danach geometrische Symbole ohne Nummer. Sie belegen eine **Überholung**, nicht die Fertigung — und eines von ihnen wird bis heute für ein ostdeutsches Zeichen gehalten, ohne es zu sein.
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Die Systematik — zwei Zeichengenerationen, Zuordnung einzelner Symbole zu Arsenalen und Basen — geht auf Arbeiten des russischen Forschers R. N. Tschumak zurück, die hier nur mittelbar über zwei Sammlerdarstellungen vorliegen. Der Belegstatus steht bewusst auf ungeklärt, denn die ausgewerteten Darstellungen widersprechen einander bei genau dem Zeichen, um das es hier am meisten geht: Für die „1 im Dreieck" nennt die eine die 1871. ABV im Moskauer Militärbezirk, eine zweite dieselbe Einheit in Liski, eine dritte die frühere CABV 41 in Irkutsk. Die Zeichenformen selbst sind hier nicht wiedergegeben; sie liegen nur als Abbildung vor.
Sechs Modelle dieses Registers sind sowjetischer Herkunft, und der Karabiner S kam ab 1957 „aus sowjetischer Lieferung” zur NVA. Fast jedes Stück, das auf diesem Weg nach Deutschland gelangte, war zuvor überholt worden — und trägt die Zeichen davon. Das Register hatte dazu bislang nichts.
Zwei Generationen von Zeichen
Die sowjetische Grundinstandsetzung arbeitete mit zwei unterschiedlichen Systemen:
| Zeitraum | Form | Ort am Stück |
|---|---|---|
| Vorkrieg, Krieg, frühe Nachkriegszeit | Buchstabe „Р” (für Ремонт, Reparatur) mit Depotnummer oder dem Kürzel des Militärbezirks | Verschluss oder Laufhals |
| späte 1940er bis 1991 | geometrische Symbole ohne Nummer — Kästen, Dreiecke, Kreise, teils mit Ziffer darin | wechselnd |
Der Wechsel ist für die Datierung nützlich: Ein Zeichen der ersten Art weist in die Zeit bis etwa Ende der vierziger Jahre, eines der zweiten Art danach.
Zugeordnete Einrichtungen
Nach den ausgewerteten Darstellungen, die sich auf Arbeiten von R. N. Tschumak stützen:
| Zeichen | Einrichtung | Ort |
|---|---|---|
| Kasten mit Diagonalkreuz | Arsenal 1 | seit den späten 1930er Jahren |
| Kasten mit zwei Linien | Arsenal 2 | Kiew |
| Dreieck mit Kreis | Arsenal 3 | Tiflis, seit 1942 |
| 25 im Dreieck | CABV 25 | — |
| 75 im Dreieck | CABV 75 | Leningrad |
| MO | ABV 38 | Pawlowskaja Sloboda, 1942–1993 |
Das Zeichen, das für ostdeutsch gehalten wird
Hier liegt der Grund, warum dieser Eintrag in dieses Register gehört.
Ein Dreieckszeichen an Mosin-Nagant-Gewehren und SKS-Karabinern gilt in der Sammlerwelt seit Jahrzehnten als Kennzeichen ostdeutscher Bestände. In Druck gebracht wurde diese Deutung zuerst in Lee Lapins Mosin-Nagant-Buch, gestützt auf die Ähnlichkeit mit Zeichen an kommerziellen DDR-Erzeugnissen. Von dort ist sie in Kataloge, Verkaufsanzeigen und Bestimmungshilfen gewandert.
Sie ist nach heutigem Forschungsstand falsch. Ruslan Tschumak hat das Zeichen einer sowjetischen Instandsetzungseinrichtung zugeordnet. Drei Beobachtungen sprachen von Anfang an gegen die ostdeutsche Lesart:
- Dasselbe Zeichen findet sich an anderen russischen Waffen, etwa der PPS-43.
- An bekannten ostdeutschen Waffen erscheint es nie.
- Einzelne Stücke mit diesem Zeichen tragen Balkan-Umbauten — schwer vereinbar mit einem Weg über die DDR.
Für dieses Register ist das ein Lehrstück in eigener Sache. Ein Zeichen wird einem Fertigungs- oder Herkunftsraum zugeschrieben, weil es einem anderen Zeichen ähnelt; die Zuschreibung erscheint in einem Buch, wird zitiert und gilt nach zwanzig Jahren als bekannt. Genau dieser Weg steht mehrfach im Korrekturregister — zuletzt bei der Heeresabnahme, wo „WaA37 = Haenel” dieselbe Karriere gemacht hat, und bei den Fertigungskennzeichen, die als häufigste Ursache falscher Ortszuschreibungen gelten.
Auch die Berichtigung ist nicht eindeutig
Die ausgewerteten Darstellungen berufen sich alle auf Tschumak — und nennen für dieses eine Zeichen trotzdem drei verschiedene Zuordnungen:
| Darstellung | Zuordnung |
|---|---|
| Forgotten Weapons | 1871. ABV, Moskauer Militärbezirk |
| Forenbeitrag | 1871. ABV, Liski |
| m9130.info | frühere CABV 41, Irkutsk |
Ob hier zwei verschiedene Zeichen verwechselt werden, ob eine Einheit verlegt wurde oder ob eine der Angaben schlicht falsch ist, lässt sich ohne die Originalarbeit nicht entscheiden. Der Belegstatus dieses Eintrags steht deshalb auf ungeklärt — nicht weil nichts bekannt wäre, sondern weil das Bekannte auseinanderfällt.
Was ein Instandsetzungszeichen aussagt
| Schluss | zulässig? |
|---|---|
| Dieses Stück wurde überholt | ja |
| Es wurde in der bezeichneten Einrichtung überholt | ja, soweit die Zuordnung trägt |
| Es wurde dort gefertigt | nein |
| Es stammt aus dem Bestand des Landes, in dem die Einrichtung lag | nein — überholt wurde auch für den Export |
Dazu kommt eine praktische Folge, die für die Bestimmung wichtiger ist als jedes einzelne Zeichen: Bei der Grundinstandsetzung wurden Teile getauscht und Nummern angeglichen. Ein überholtes Stück kann durchgehend gleiche Nummern tragen, ohne dass diese Teile je zusammen gefertigt wurden. Wer aus übereinstimmenden Nummern auf Originalzustand schließt, schließt bei sowjetischem Material regelmäßig falsch.
Für den Untersuchungsraum heißt das konkret: Ein Karabiner S oder eine PPSch-41 aus NVA-Beständen ist mit einiger Wahrscheinlichkeit ein überholtes Stück. Was daran ostdeutsch ist, ist die Verwendung — nicht notwendig ein einziges Bauteil.
Offene Forschungsfragen. Welche Zuordnung der „1 im Dreieck” trifft zu, und beruhen die Abweichungen auf verwechselten Zeichen? Welche Instandsetzungszeichen tragen die Stücke, die nachweislich an KVP und NVA geliefert wurden — gab es bevorzugte Einrichtungen für den Export? Und gab es in der DDR selbst eine Grundinstandsetzung sowjetischer Waffen mit eigener Kennzeichnung? Letzteres wäre der Punkt, an dem dieses Zeichenfeld den Untersuchungsraum unmittelbar berührt — bislang ist dazu nichts erfasst.
Quellen
- [Online] Forgotten Weapons — East German Mosins – or not… , Das als ostdeutsch gedeutete Dreieckszeichen kennzeichnet nach Forschung von Ruslan Tschumak Waffen, die von der 1871. ABV im Moskauer Militärbezirk überholt wurden; die ostdeutsche Deutung geht auf Lee Lapins Mosin-Nagant-Buch zurück; Gegenargumente: dasselbe Zeichen an anderen russischen Waffen wie der PPS-43, nie an bekannten ostdeutschen Waffen, teils Balkan-Umbauten an Stücken mit diesem Zeichen Link
- [Online] m9130.info — Repair depot markings , Zwei Zeichengenerationen — bis in die frühe Nachkriegszeit „Р" mit Depotnummer oder Militärbezirkskürzel an Verschluss oder Laufhals, ab den späten 1940er Jahren geometrische Symbole ohne Nummer; Zuordnungen unter anderem Kasten mit Diagonalkreuz für Arsenal 1, Kasten mit zwei Linien für Arsenal 2 in Kiew, Dreieck mit Kreis für Arsenal 3 in Tiflis, 75 im Dreieck für CABV 75 in Leningrad, MO für ABV 38 in Pawlowskaja Sloboda (1942–1993); Hauptquelle ein Konferenzbeitrag von R. N. Tschumak (2015) Link