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Hersteller · Sömmerda

Rheinmetall, Werk Sömmerda (vorm. Dreyse)

1901–1945 KaiserreichErster WeltkriegWeimarer Republik1933–1945 plausibel

Sömmerda ist der zweite historische Pol der thüringischen Waffenfertigung neben dem Raum Suhl/Zella-Mehlis: Hier baute Johann Nikolaus von Dreyse das Zündnadelgewehr, das die preußische Armee revolutionierte. Am 30. Januar 1901 übernahm Rheinmetall die Dreyse’schen Werke.

Dreyse M1907

Die Selbstladepistole M1907 (Konstruktion Louis Schmeisser) in 7,65 mm Browning wurde von Polizeibehörden eingeführt und im Ersten Weltkrieg auch militärisch verwendet. Sie ist der Sömmerdaer Beitrag zu diesem Register — und ein technisch eigenwilliger: der Verschluss läuft oberhalb des Laufs, das Spannen erfolgt über das Abknicken des Oberteils.

Vom Waffenwerk zum Zünderwerk

Für die Objektkunde ist eine Verschiebung wichtig, die im Namen nicht sichtbar wird: Rheinmetall stellte Sömmerda nach 1901 vollständig auf Zünder um und gab die zivile Fertigung auf. Ab Oktober 1922 lief der Monopolauftrag der Reichswehr über sämtliche in Deutschland zugelassenen Zünder über dieses Werk — vertraglich auf fünfzehn Jahre und für beide Seiten unkündbar, dazu 1,6 Millionen Reichsmark aus dem Reichshaushalt für die Ersteinrichtung. Das war ein Bruch des Versailler Vertrags, den der Vertrag nachträglich sanktionierte; im selben Zeitraum nahm Louis Stange in Sömmerda entgegen dem ausdrücklichen Verbot die Entwicklung einer Maschinenpistole auf.

Von April bis Dezember 1933 verdoppelte das Werk seine Belegschaft. In der NS-Zeit arbeiteten hier weit über 10.000 Menschen — Zünder, Patronen, Geschosshülsen, Maschinengewehre, Flakvisiere, Kardanwellen; ab 1944 auch die Kreiselgeräte für die Steuerung der A4-Rakete. Der Rang des Werks lässt sich daran ablesen, dass ihm gleich drei Fertigungskennzeichen zugeteilt wurden: bmv, myx und nhr. Ein Stück mit einem dieser Kennzeichen ist ein Objekt dieser Fertigung — und damit auch ein Objekt dessen, was der folgende Abschnitt beschreibt.

Zwangsarbeit im Werk Sömmerda

Die Zünderfertigung ist, wie die Hülsenfertigung in Magdeburg, Schichtarbeit an Bohr- und Fräsmaschinen: arbeitsintensiv, kurz anzulernen, über weite Strecken nicht auf Facharbeit angewiesen. Sömmerda ist deshalb kein Sonderfall. Es ist der thüringische Regelfall in Reinform — mit dem Unterschied, dass die Überlieferung hier ungewöhnlich dicht ist.

Der zivile Zwangsarbeitereinsatz

Die Gedenkstätte Buchenwald hält fest, dass in der zweiten Kriegshälfte Kriegsgefangene sowie Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus West- und Osteuropa den Großteil der über 10.000 Beschäftigten stellten. Die genaueste Momentaufnahme ist eine Meldung des Werks selbst vom 28. Februar 1945 über 4.707 ausländische Zwangsarbeiter:

GruppeZahl
weibliche KZ-Häftlinge1.294
„Ostarbeiter” und „Ostarbeiterinnen”1.084
sowjetische Kriegsgefangene316
Italiener271
Belgier258
Franzosen236
Polen155
französische Kriegsgefangene123
Niederländer107
Kroaten64
Tschechen25
Ukrainer18
Serbinnen3
weitere41

Rechnerischer Widerspruch. Diese Einzelposten ergeben zusammen 3.995 Personen, nicht die gemeldeten 4.707. Die Differenz von 712 Menschen ist hier nicht erklärt. Beide Zahlen bleiben stehen; geglättet wird keine von beiden. Hinzu kommt eine sprachliche Unschärfe der Quelle: Sie leitet die Aufzählung mit „außer den inzwischen 1.294 weiblichen Häftlingen …” ein, was sich als „darunter” oder als „zusätzlich zu” lesen lässt. Diese Tabelle folgt der Lesart „darunter”.

Untergebracht waren diese Menschen in Barackenlagern in der Erfurter, der Uhland- und der Warschauer Straße. Weitere waren in Gasthaussälen in und um Sömmerda einquartiert. Das Lager in der Warschauer Straße war noch im Rohbau, als darin bereits Russen und Franzosen und ab September 1944 die ungarischen Jüdinnen des Außenlagers untergebracht wurden.

Die Anforderung

Der KZ-Häftlingseinsatz war eine Entscheidung des Werks, nicht eine Zuteilung von oben. Weil die Arbeitsverwaltung in der letzten Kriegsphase immer weniger ausländische Arbeitskräfte zuweisen konnte, beantragte die Firmenleitung beim SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamt die Zuweisung von 1.000 KZ-Gefangenen. Am 22. August 1944 prüfte SS-Obersturmführer Guido Reimer im Auftrag des Buchenwalder Lagerkommandanten Pister die Einsatzmöglichkeit weiblicher Häftlinge im Werk. Bei dieser Gelegenheit erhöhte Rheinmetall die Anforderung auf 1.100 — 650 für die Zünderfabrik, 450 für das Laborierwerk. Pister meldete nach Oranienburg, die Voraussetzungen seien gegeben: Arbeit in geschlossenen Hallen möglich, zwei Schichten zu je zwölf Stunden, und das Werk stelle aus der eigenen Belegschaft 45 junge Mitarbeiterinnen als Aufseherinnen.

Die Frauen

Am 19. September 1944 traf der erste Transport ein: 1.216 ungarische Jüdinnen aus dem aufgelösten Frauenaußenlager der Gelsenberg Benzin AG in Gelsenkirchen. Es waren Frauen und Mädchen aus Ungarn und den damals zu Ungarn gehörenden Regionen, insbesondere aus der Umgebung von Sighet im heutigen Rumänien, im Spätfrühjahr 1944 mit ihren Familien nach Auschwitz-Birkenau deportiert und dort bei der Selektion als arbeitsfähig eingestuft. Die meisten waren zwischen 20 und 25 Jahre alt. Seit Anfang Juli 1944 hatten sie in Gelsenkirchen Trümmer des zerbombten Hydrierwerks räumen müssen; bei den Angriffen vom 11. bis 13. September 1944 kamen dort mindestens 138 von ihnen um, 94 wurden teils schwer verletzt. Die Überlebenden schickte die SS nach Thüringen, die Verletzten schubweise bis Ende Januar 1945 hinterher.

Zur Belegung stehen mehrere Zahlen nebeneinander: 1.216 beim ersten Transport, 1.294 in der Werksmeldung vom 28. Februar 1945, „über 1.300” insgesamt nach Angaben der Gedenkstätte Buchenwald, 1.301 in der Widmung des Gedenkorts der Stadt Sömmerda. Die jüngste Häftlingsfrau war 13 Jahre alt.

Ungeklärte Angabe. Dieselbe Darstellung der Gedenkstätte Buchenwald nennt für Mitte Januar 1945 eine Belegung von 2.294 Frauen — eine Zahl, die zur eigenen Gesamtangabe „über 1.300” im Widerspruch steht. Ob es sich um einen Zahlendreher zu 1.294 handelt, ist hier nicht entschieden. Die Angabe wird genannt, nicht stillschweigend korrigiert.

Das Lager

Das Barackenlager lag am südlichen Stadtrand an der Bahnlinie Erfurt–Sangerhausen, in der heutigen Thomas-Müntzer-Straße; es war ursprünglich für sowjetische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter gebaut worden. Der Lagerteil der KZ-Häftlinge war durch Stacheldraht und sechs hölzerne Wachtürme gesichert und umfasste sechs umgebaute Pferdestallbaracken mit dreistöckigen Holzgestellen als Schlafstellen. Frank Baranowski beschreibt denselben Komplex mit zwölf Baracken, drei Kilometern Abstand zum Werk, einem elektrischen Zaun und der Adresse Warschauer Straße (heute Friedrich-Ebert-Straße); die Gedenkstätte Buchenwald nennt zwei Kilometer. Die Angaben lassen sich als Gesamtlager gegenüber KZ-Teilbereich lesen, sind hier aber nicht zusammengeführt. Die Unterkunft der Wachmannschaft lag in der angrenzenden Wohnsiedlung, die die Frauen auf ihrem täglichen Weg zwischen Lager und Fabrik durchquerten.

Die Arbeit

Eingesetzt waren die Frauen in zwei Abteilungen. In der Zünderproduktion bedienten sie Bohr- und Fräsmaschinen. Im Laborierwerk füllten sie Geschosse mit hochexplosiven und giftigen Sprengstoffen — ohne Schutzkleidung. Angeleitet und überwacht wurden sie von zivilen Werksangestellten und Meistern. Gearbeitet wurde von Montag bis Samstag in zwölfstündigen Tag- und Nachtschichten; die freien Sonntage füllte die SS mit stundenlangen Zählappellen.

Zwei Aktenzahlen machen den Betrieb messbar. Die Arbeitseinsatzmeldung vom 16. November 1944 weist 1.121 arbeitende Frauen in Tag- und Nachtschicht aus und 111, die als „Kranke” und „Schonungskranke” nicht eingesetzt waren. Und allein im Dezember 1944 leisteten die Häftlinge des Außenkommandos mehr als 319.000 Arbeitsstunden, für die Rheinmetall 113.424,00 Reichsmark an die SS zu überweisen hatte — nicht an die Frauen.

Krankheit und Tod

Im Lager bestand eine Krankenstation mit zwei Häftlingsärztinnen, Dr. Erzsébet Schenk und Dr. Blanka Auspitz, und vier Pflegerinnen, nahezu ohne Medikamente. Mitte November 1944 lagen bei über 1.200 Frauen rund 80 in stationärer Behandlung, 44 weitere waren vorübergehend von der Arbeit freigestellt.

Die Gedenkstätte Buchenwald zählt neun Todesfälle in Sömmerda, Baranowski acht, davon fünf namentlich bekannt. Die Ursachen — Schwäche infolge von Unterernährung, Lungenentzündung, Magen-Darm-Entzündungen, Tuberkulose, Abszesse und Phlegmone — sind die Krankheiten des Lagers selbst. Mindestens vier der Toten ließ die SS in einem nahegelegenen Krematorium verbrennen, vermutlich in Erfurt; drei wurden in Sömmerda beerdigt. Die 26-jährige Manci Fried aus Felsővisó, dem heutigen Vișeu de Sus in Rumänien, war am 7. März 1945 in das Städtische Krankenhaus Sömmerda verlegt worden, blieb bei der Räumung zurück und starb dort am 6. April 1945.

Die ungarische Musikerin Anna Pauk, 1944 33 Jahre alt und Gesangslehrerin aus Nagykanizsa, berichtete 1978 von vier oder fünf schwangeren Frauen, die nach Auschwitz gebracht worden seien. Eine Frau soll in Sömmerda ein Kind zur Welt gebracht haben, das mit einer Giftinjektion getötet wurde.

Die Bewachung kam aus dem Werk

Das ist der Punkt, an dem sich Betrieb und Lager nicht mehr trennen lassen. Kommandoführer war Eugen Dietrich (1889–1966), Reserveoffizier des Ersten Weltkriegs, seit 1942 bei der Buchenwalder SS, zuvor in Mühlhausen und Gelsenkirchen. Ihm unterstanden Ende 1944 16 SS-Männer und 21 SS-Aufseherinnen (Baranowski: 22). Diese Aufseherinnen waren keine SS-Berufskräfte, sondern Angehörige der Rheinmetall-Belegschaft, eigens für den KZ-Dienst angeworben und nach einem Lehrgang im Frauen-KZ Ravensbrück zurück nach Sömmerda geschickt. Eine von ihnen, Gertrud Liebetrau, 1922 in Gotha geboren und seit 1942 Bürohilfskraft bei Rheinmetall-Borsig, hielt das in einem eigenen Fotoalbum fest, das heute im Bundesarchiv liegt — mit der Bildunterschrift „Unser Häftlingslager”.

Juristisch aufgearbeitet wurde davon fast nichts: Die Aufseherin Anna Becker verurteilte ein sowjetisches Militärtribunal 1946 in Weimar wegen Misshandlung von KZ-Häftlingen zu zehn Jahren Haft; staatsanwaltschaftliche Ermittlungen gegen Dietrich führten in den 1960er Jahren zu keinem Ergebnis.

Räumung und Todesmärsche

Hier gehen die beiden Darstellungen nicht nur im Datum auseinander, sondern im gesamten Ablauf. Sie stehen deshalb nacheinander und werden nicht zu einer Erzählung verschmolzen.

Gedenkstätte Buchenwald. Räumung am 4. April 1945. Die Kranken kamen mit der Bahn in das Frauenaußenlager Altenburg; alle übrigen mussten zu Fuß nach Osten. Nach einer Woche und fast hundert Kilometern erreichten sie Zipsendorf, einen Nachbarort von Meuselwitz, wo die SS die Kolonne teilte. Eine Hälfte lief weiter bis in das Frauenaußenlager Altenburg und von dort nach einem Tag Pause nach Südosten; viele von ihnen flohen am 13. April 1945 zu den anrückenden amerikanischen Verbänden und wurden bei Reinholdshain (Glauchau) befreit. Die andere Hälfte blieb kurz im Frauenaußenlager Meuselwitz, kam per Bahn bis Chemnitz und danach fast vier weitere Wochen zu Fuß nach Südosten; befreit wurde sie erst am 9. Mai 1945 auf tschechischem Gebiet durch Truppen der Roten Armee. Zeuginnen berichten, dass die Märsche zahlreiche Opfer forderten.

Baranowski. Räumung am 24. oder 25. März 1945. Die Frauen wurden zunächst in das siebzig Kilometer entfernte Buchenwalder Außenkommando Meuselwitz getrieben, wo etwa 1.000 Häftlingsfrauen bei der HASAG Panzerfäuste und Granaten fertigten. Erst dort teilte die SS die Gruppe, und zwar in drei Teile: etwa 200 marschierten unter Führung Dietrichs Richtung Glauchau und wurden von amerikanischen Truppen befreit; ein weiterer Teil sollte per Bahn nach Osten, vermutlich nach Leitmeritz oder Theresienstadt, kam aber nur bis zur Grenzstadt Kraslice, wo Tiefflieger den Transport bombardierten; der größte Teil, etwa 1.000 Frauen, musste von Meuselwitz nach Süden marschieren und wurde am 9. Mai 1945 von sowjetischen Truppen nahe einem Elbe-Nebenfluss befreit. Wer nicht mithalten konnte, wurde von der männlichen SS-Begleitung erschossen; es soll eine Vielzahl solcher Morde gegeben haben.

Damit unterscheiden sich Räumungsdatum, Ort der Teilung (Zipsendorf gegenüber Meuselwitz), Zahl der Marschgruppen (zwei gegenüber drei) und die Größe der nach Glauchau gelangten Gruppe („eine Hälfte” gegenüber „etwa 200”). Der bombardierte Bahntransport nach Kraslice kommt nur bei Baranowski vor. Aufgelöst wird das hier nicht.

Eine der transportbegleitenden Aufseherinnen sagte Jahrzehnte später gegenüber der amerikanischen Journalistin Alison Owings aus, der Marsch sei entschieden schlimmer gewesen als die Bedingungen im Lager selbst. Dass die Märsche zahlreiche Opfer forderten, halten beide Darstellungen fest; eine Zahl nennt keine von beiden.

Gedenken

Das Barackenlager wurde nach dem Krieg abgebaut, das Gelände überbaut; am ehemaligen Standort erinnert nichts an das Lager. Die Stadt Sömmerda brachte 2003 an einer in den 1980er Jahren errichteten Stele für die Opfer der Todesmärsche am Parkweg, Ecke Uhlandstraße, eine Gedenktafel für das Frauenaußenlager an. Auf Beschluss des Stadtrats vom 26. Oktober 2022 entstand 2025 im ehemaligen Pförtnergebäude des Rheinmetallwerks in der Rheinmetallstraße der Gedenk- und Bildungsort „Tor 8”, mit einem Mahnmal des Sömmerdaer Künstlerkollektivs aus Heinz Wolf, Wolfgang Schneider und Matthias Hohmann.

Zur methodischen Einordnung siehe Die Waffenregion im Nationalsozialismus und Methodik.

Nach 1945

Amerikanische Truppen besetzten das Werk am 11. April 1945 und schafften in den folgenden Wochen die Konstruktionsunterlagen und Fertigungsmaschinen für die Kreiselgeräte der A4-Steuerung ab. Nach der Übergabe Thüringens an die sowjetische Seite ließ deren Militärverwaltung dieselben Geräte von den verbliebenen Technikern im Betrieb nachbauen. Das Werk wurde enteignet und demontiert; am Standort entstand das VEB Büromaschinenwerk Sömmerda (Robotron) — die Fertigungstradition wechselte vom Verschluss zur Schreibmaschine und schließlich zum Computer. Ein Musterfall für die Frage dieses Projekts, was aus Rüstungsstandorten nach Systembrüchen wird.

Rechtsform und Firmierung

vor 1901
Waffenfabrik von Dreyse · Familienbetrieb

Zurückgehend auf Johann Nicolaus von Dreyse, den Konstrukteur des Zündnadelgewehrs.

1899
Munitions- und Waffen-Fabriken Aktiengesellschaft vormals Dreyse · Aktiengesellschaft

Umwandlung durch die Erben Anfang Januar 1899, ein Jahr vor dem Verkauf.

1901
Rheinische Metallwaren- und Maschinenfabrik, Werk Sömmerda · Übernahme

Erwerb am 30. Januar 1901; die bisherigen Eigentümer erhielten Rheinmetall-Aktien im Wert von 1,2 Millionen RM. Der Markenname Dreyse blieb erhalten und wurde weiter auf den Waffen geführt — ein Fall, in dem Firmenname und Markenname auseinanderfallen.

Fertigungsprogramm

1907–1918
Selbstladepistole Dreyse M1907

Konstruktion Louis Schmeisser.

ab 1910
Dreyse M1910
ab 1901
Zünder und Granatzünder, Zünderfertigungsmaschinen und Werkzeuge

Rheinmetall stellte das Werk nach der Übernahme vollständig auf Zünder um; ab Oktober 1922 lief der Reichswehr-Monopolauftrag über sämtliche in Deutschland zugelassenen Zünder über Sömmerda.

1933–1945
Zünder, Patronen, Geschosshülsen, Zündschrauben, Maschinengewehre, Flakvisiere, Kardanwellen und Gelenkwellen, Flugzeugausrüstung

1944 kamen Kreiselgeräte zur Steuerung der A4 und Zünder für deren Sprengstofflast hinzu. Im Januar 1945 arbeitete etwa die Hälfte der Belegschaft in der Munitionsfertigung, 1.102 im Gelenkwellenbau für Panzerkampfwagen, 771 in der Maschinengewehrfertigung, 243 im Flugzeugbau.

1943–1945
Fertigungsanteile am Fallschirmjägergewehr FG 42

In geringerem Umfang als bei Heinrich Krieghoff.

Standorte

  • Sömmerda

    Werk der Rheinischen Metallwaren- und Maschinenfabrik; die Marke Dreyse wurde nach der Übernahme weitergeführt.

Personen

  • Louis Schmeisser — Konstrukteur der Dreyse M1907; Vater Hugo Schmeissers, der drei Jahrzehnte später in Suhl das Sturmgewehr entwickelte, um 1907
  • Louis Stange — Konstrukteur in Sömmerda; nahm 1922 entgegen dem Verbot des Versailler Vertrags die Entwicklung einer Maschinenpistole auf, ab 1922
  • Eugen Dietrich — SS-Kommandoführer des Frauenaußenlagers Sömmerda (1889–1966); zuvor Kommandoführer in Mühlhausen und Gelsenkirchen. Staatsanwaltschaftliche Ermittlungen in den 1960er Jahren blieben ohne Ergebnis, 1944/45

Beschäftigte

  • Oktober 1918 · rund 10.000 (Konzernweit 48.000 gegenüber 8.000 vor Kriegsbeginn.)
  • nach 1918 · 15 % der Kriegsbelegschaft (Umstellung auf Wasserhähne, Milchzentrifugen, Autovergaser, ab 1920 Büromaschinen.)
  • April bis Dezember 1933 · Verdopplung
  • NS-Zeit · weit über 10.000 (Damit einer der größten Rüstungsbetriebe Thüringens. In der zweiten Kriegshälfte stellten Kriegsgefangene sowie Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter nach Angaben der Gedenkstätte Buchenwald den Großteil davon.)
  • 28. Februar 1945 · 4.707 ausländische Zwangsarbeiter (Eigene Meldung des Werks; darunter 1.294 weibliche KZ-Häftlinge. Die Einzelposten der Meldung summieren sich nicht auf diese Gesamtzahl.)

Kennzeichen

Firmen-, Fertigungs- und Abnahmekennzeichen dieses Betriebs. Jede Zuordnung ist einzeln zu belegen — Kennzeichen bezeichnen eine Firma, nicht zwingend ein Werk.

  • Dreyse Markenname, auch nach der Übernahme 1901 weitergeführt plausibel
  • bmv Fertigungskennzeichen des Werks Sömmerda NS-Zeit plausibel
  • myx Fertigungskennzeichen des Werks Sömmerda NS-Zeit plausibel
  • nhr Fertigungskennzeichen des Werks Sömmerda NS-Zeit plausibel

Zwangsarbeit — belegt

Belegt in zwei Schichten. Erstens ziviler Massen-Zwangsarbeitereinsatz: Am 28. Februar 1945 meldete das Werk 4.707 ausländische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, darunter 1.084 „Ostarbeiter" und „Ostarbeiterinnen", 271 Italiener, 258 Belgier, 236 Franzosen, 155 Polen, 107 Niederländer, 64 Kroaten sowie 316 sowjetische und 123 französische Kriegsgefangene. Zweitens ein eigenes Frauenaußenlager des KZ Buchenwald: Am 19. September 1944 traf ein Transport mit 1.216 ungarischen Jüdinnen aus dem aufgelösten Außenlager Gelsenkirchen ein; die Belegung stieg bis Ende Februar 1945 auf 1.294, insgesamt durchliefen über 1.300 Frauen das Lager, die jüngste war 13 Jahre alt. Sie arbeiteten in Zwölfstundenschichten in der Zünderfertigung und im Laborierwerk, wo sie Geschosse ohne Schutzkleidung mit Sprengstoff füllten. Für den Dezember 1944 rechnete die SS dem Werk über 319.000 Arbeitsstunden mit 113.424,00 RM ab. Neun Frauen starben in Sömmerda (Baranowski: acht). Die Aufseherinnen kamen aus der Rheinmetall-Belegschaft. Die Räumung im Frühjahr 1945 endete in Todesmärschen mit unbekannter Opferzahl.

Stehende Regel dieses Registers: Bei jedem Betrieb, der zwischen 1933 und 1945 gefertigt hat, wird der Einsatz von Zwangsarbeit geprüft und der Stand ausgewiesen — auch wenn die Prüfung noch aussteht. Siehe Die Waffenregion im Nationalsozialismus .

Verbleib

Amerikanische Truppen besetzten das Werk am 11. April 1945 und schafften in den folgenden Wochen die Konstruktionsunterlagen und Fertigungsmaschinen für die A4-Kreiselgeräte ab. Nach der Übergabe Thüringens ließ die sowjetische Militäradministration die Steuerungsgeräte von verbliebenen Technikern im Betrieb nachbauen. Das Werk wurde enteignet und demontiert; am Standort entstand das VEB Büromaschinenwerk Sömmerda (Robotron), heute ein Industriepark.

Modelle dieses Herstellers

Quellen

  1. [Archiv] Gedenkstätte Buchenwald — Außenlager Sömmerda (Frauen) — Lager, Häftlinge, Zwangsarbeit, Krankheit und Tod, Bewachung, Räumung, Gedenken Link
  2. [Online] Baranowski — Sömmerda [Rheinmetall Borsig AG] — Außenkommando, Belegung, Räumung Link
  3. [Online] Baranowski — Rüstungsschmiede Rheinmetall Borsig AG in Sömmerda — Werksgeschichte, Fertigungskennzeichen, Belegschaft, Anforderung der KZ-Häftlinge Link
  4. [Online] Stadt Sömmerda — Öffentliche Informationsveranstaltung zu den Gedenkorten für das KZ-Außenlager Sömmerda, 22. Februar 2024 Link
  5. [Literatur] Seidel — Irmgard Seidel, Sömmerda, in: Wolfgang Benz und Barbara Distel (Hg.), Der Ort des Terrors, Band 3: Sachsenhausen, Buchenwald , München 2006, S. 575–577
  6. [Literatur] Reich — Francis-Romeo Reich, Kunst und Kultur im Außenlager Sömmerda , Leipzig 2025