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OD WH

Modell

Pistole 08, Fertigung Simson & Co. Suhl

Fertigung
Simson & Co.
Kaliber
9 × 19 mm
Zeitraum
1925–1934
Belegstatus
plausibel

So funktioniert sie

Ohne Fachbegriffe erklärt. Die genaue technische Beschreibung folgt darunter; wenn doch ein Wort unklar bleibt, steht es im Glossar.

Technisch ist diese Waffe keine eigene Konstruktion, sondern eine Pistole 08 wie jede andere; besonders an ihr ist, wo und unter welchen Bedingungen sie gebaut wurde. Ihr Verschluss ist ein Gelenk aus zwei Gliedern, das oben auf der Waffe liegt und beim Schuss nach oben aufknickt. Zugehalten wird es nicht von einem Riegel, sondern von der Geometrie: Vor dem Schuss liegt der mittlere Gelenkbolzen einige Zehntelmillimeter unterhalb der Linie zwischen den beiden äußeren Achsen und stützt sich dort auf einen Absatz ab. Ein Druck von hinten kann das Gelenk deshalb nur fester in diese Lage pressen, nicht aufklappen. Beim Schuss laufen Lauf, Gehäuse und gestrecktes Gelenk als ein starrer Körper wenige Millimeter zurück; das Geschoss ist da längst aus dem Lauf. Geöffnet wird das Gelenk erst von der Waffe selbst: Seitlich stehen zwei Zapfen mit den geriffelten Griffrollen heraus, die auf zwei schräge Flächen am hinteren Rahmenende auflaufen und nach oben gedrückt werden. Jetzt knickt das Knie auf, zieht die leere Hülse heraus und wirft sie nach oben aus, spannt den Bolzen, der die Patrone zündet, und drückt eine Feder im Griffrücken zusammen. Diese Feder streckt das Gelenk wieder, schiebt alles nach vorn und führt dabei die nächste Patrone aus dem Magazin zu. Eine Eigenart der Bauart: Die Kimme sitzt auf dem hinteren Gelenkglied, also auf einem beweglichen Teil — Spiel im Gelenk wirkt sich unmittelbar auf die Treffer aus.

In der Weimarer Republik durfte genau ein Betrieb Ordonnanzpistolen bauen, und er stand in Suhl. Der Versailler Vertrag begrenzte die deutsche Waffenfertigung der Menge nach und ebenso die Zahl der Fertiger; die Reichswehr durfte ihre Pistolen bei einem einzigen Unternehmen beschaffen. Die Interalliierte Militärkontrollkommission wählte dafür den harmlosesten Betrieb aus, nicht den fähigsten: Simson & Co., ein Suhler Familienunternehmen in jüdischem Besitz mit einer Kapazität, die niemandem Sorge machte. Die großen Häuser, allen voran die Deutschen Waffen- und Munitionsfabriken in Berlin, waren aus genau dem Grund ausgeschlossen, aus dem man sie sonst beauftragt hätte.

Technisch ist die Waffe keine Neuerung. Es ist die Pistole 08, Konstruktion Georg Luger, seit 1908 eingeführt, unverändert. Ihr dokumentarischer Wert liegt woanders. An diesem Erzeugnis lassen sich Rüstungsbeschränkung, thüringische Werkslinie und die Enteignung eines Betriebs gleichzeitig am Objekt ablesen.

Fertigung

Ein Kleinbetrieb baut keine Ordonnanzpistolen, ohne die Einrichtungen dafür zu haben. Sie kamen aus der nach Versailles aufgelösten Königlich Preußischen Gewehrfabrik Erfurt, die seit 1911 als staatliche Parallelfertigung zur DWM Pistolen 08 gebaut hatte. Die Daten dieses Übergangs stehen in den Darstellungen nebeneinander, ohne einander widersprechen zu müssen. Sie bezeichnen verschiedene Schritte.

JahrVorgangBewertung
1920Übernahme der Erfurter Fertigungseinrichtungenin einer Darstellung ausdrücklich datiert; Umfang unbekannt
ab 1920/22alleinige Instandsetzung des Reichswehrbestandsmehrfach genannt, Beginn schwankend
1. April 1924Erteilung des Alleinvertrags für die P08eine Darstellung nennt das Datum taggenau
1925Beginn der Neufertigung mit Suhler Beschriftungmehrfach übereinstimmend
31. März 1934Ablauf des Vertragseine Darstellung; passt zum Fertigungsende 1934

Wer die Alleinstellung „ab 1920” datiert, meint die Instandsetzung; wer „ab 1925” schreibt, meint den Neubau. Dieses Register führt das Modell unter 1925 bis 1934 und benennt die frühere Instandsetzungsrolle getrennt, weil beides am Objekt verschiedene Befunde erzeugt. Dazu unten mehr.

Für die Bestimmung

Für den Sachverständigen ist dies die eigentliche Aufgabe an diesem Gegenstand. Konstruktiv sind alle drei Fertigungen identisch; sie unterscheiden sich in der Beschriftung und im Stempelbild, und beides sitzt auf wenigen, teils austauschbaren Teilen.

MerkmalDWM BerlinGewehrfabrik ErfurtSimson & Co. Suhl
Vorderes KniegelenkgliedDWM-MonogrammERFURT unter KroneSIMSON & Co / SUHL; am Ende gotisches S
Patronenlagerdach (Kammer)JahreszahlJahreszahl1925 und 1926 datiert, danach leer
AbnahmezeichenKrone über BuchstabeKrone über Buchstabe, sehr dichtAdler über 6, ebenso dicht
Adler am Verschlussgehäuse rechtsReichsadler des KaiserreichsditoAdler der Weimarer Republik
GriffschalenNussbaum, gefeldertditodito, nach Sammlerbeobachtung merklich dicker

Drei Punkte daran verdienen eigene Aufmerksamkeit.

Erstens das leere Patronenlagerdach. Die ersten rund 600 Stück tragen die Jahreszahl 1925, etwa 100 weitere die Jahreszahl 1926; danach blieb die Fläche über dem Patronenlager frei. Ein leeres Kammerdach ist an einer Ordonnanz-08 der Weimarer Zeit deshalb ein positives Merkmal, kein Mangel und kein Schleifbefund. Wer es für abgeschliffen hält, verwirft ein gutes Stück. Umgekehrt gehört ein datiertes Suhler Stück in einen sehr engen Nummernbereich; passt die Nummer nicht zum Datum, ist Vorsicht geboten.

Zweitens der Stempel 1920, der kein Suhler Zeichen ist. Auf Waffen der Reichswehr findet sich häufig ein auf dem Kammerdach nachgetragenes 1920. Es kennzeichnet den nach Versailles zulässigen Bestand als Eigentum und datiert weder die Fertigung, noch weist es einen Fertiger aus. Diese Verwechslung ist der zweithäufigste Fehler an diesem Gegenstand.

Drittens Adler über 6. Die Suhler Abnahme setzte das Zeichen mit außerordentlicher Dichte, auf Verschlussteilen, Rahmen, Kleinteilen und bis auf die Griffschrauben. Denselben Befund beschreibt dieses Register schon an der Erfurter Fertigung. Wo dicht gestempelt wurde, hat der Prüfer viele Prüfpunkte und zugleich viele Gelegenheiten, nachträglich gesetzte Stempel als solche zu erkennen. Zur kaiserlichen Vergleichspraxis siehe Krone über Buchstabe und die Stempelkunde insgesamt.

Varianten

  1. Datierte Militärausführung 1925/1926. Kniegelenk mit vollem Firmennamen, Kammerdatum, Adler über 6. Die kleinste Gruppe, in den niedrigen Nummern.
  2. Undatierte Militärausführung. Dieselbe Beschriftung, leeres Kammerdach. Die Hauptmasse der Fertigung.
  3. Ausführung mit gotischem S. In den letzten Fertigungsmonaten trat an die Stelle des Firmennamens ein einzelnes gotisches S auf dem vorderen Kniegelenkglied; betroffen ist die Größenordnung von 1.000 Stück der Nummernserie mit dem Zusatz „a”, zeitlich Ende 1933 bis Anfang 1934. Warum, ist offen; dazu unten.
  4. Handelsstücke und Umbauten. Eine Darstellung schließt eine Handelsfertigung ausdrücklich aus („nur Heer und Polizei”), eine andere führt Handelsausführungen und einen Umbau mit nachgerüsteter Griffsicherung in kleiner Zahl. Der Widerspruch bleibt stehen; auflösen ließe er sich nur am Stempelbild, denn genau dort liegt der Unterschied zwischen Militär- und Handelsausführung.

Ein fünfter Fall gehört nicht in diese Reihe, die Suhler Instandsetzung: Simson überholte den vorhandenen Reichswehrbestand und ersetzte dabei defekte Baugruppen durch eigene, darunter Kniegelenke. Eine Waffe mit Suhler Kniegelenk, aber Erfurter oder Berliner Merkmalen am Rahmen ist deshalb im Regelfall eine überholte Fremdfertigung und keine Suhler Pistole. Nach den Zuschreibungsregeln ist das der Normalfall der Regel „ein Bauteil ist kein Herstellernachweis”. Der Fertiger wird nicht vom am leichtesten austauschbaren Teil bestimmt.

Das gotische S. Zwei Deutungen stehen nebeneinander, entschieden ist keine. Erstens ein Firmenzeichen, das Kürzel des Hauses anstelle des ausgeschriebenen Namens. Zweitens ein Tarnkennzeichen, das den Fertiger verbergen sollte. Für die zweite Deutung spricht die Zeitlage; 1934 begann die Wehrmacht, Herstellerangaben durch Codes zu ersetzen, Mauser erhielt in denselben Monaten das bekannte S/42. Dagegen spricht, dass die Interalliierte Militärkontrolle bereits 1927 endete. Dieses Register entscheidet die Frage nicht. Zum späteren Codesystem siehe Fertigungskennzeichen ab 1940; es ist jünger und mit dem hier fraglichen Zeichen nicht identisch.

Konstruktion

Der Ablauf ist derselbe wie bei jeder Pistole 08. Er ist hier ausführlicher dargestellt, weil dieser Eintrag der Suhler Fertigung gilt und die Bauart oben in der Schemaskizze nur im Prinzip gezeigt wird.

Entscheidend ist die Übertotpunktlage. Das Kniegelenk hat drei Achsen: vorn im Verschlusskopf, in der Mitte der Gelenkbolzen mit den beiden gerändelten Griffrollen, hinten im Gabelstück. In Verschlussstellung liegt die mittlere Achse einige Zehntelmillimeter unterhalb der Verbindungslinie der beiden äußeren und stützt sich auf einen Absatz des Gabelstücks ab. Eine nach hinten wirkende Kraft drückt das Gelenk damit gegen diesen Absatz und kann es nicht aufknicken. Verriegelt wird hier durch Geometrie, nicht durch Warzen oder Riegel.

Geöffnet wird das Gelenk deshalb nicht vom Gasdruck, sondern von der Waffe selbst. Die durchgehenden Zapfen der Griffrollen laufen nach wenigen Millimetern gemeinsamen Rücklaufs auf zwei feste schräge Anlaufflächen am hinteren Ende der Rahmenwangen und werden dort nach oben gedrückt. Erst wenn die mittlere Achse über die Verbindungslinie gehoben ist, kehrt sich die Kraftrichtung um, und das Gelenk knickt nach oben durch.

Für die Instandsetzungspraxis folgt daraus eine klare Rangfolge der Prüfpunkte:

  1. Die beiden Anlaufflächen im Rahmen und die Rollenzapfen. Hier wird die Öffnungsbewegung erzeugt. Ausgelaufene Schrägen oder eingelaufene Zapfen verzögern die Entriegelung; die Waffe öffnet zu spät und ruckartig oder gar nicht.
  2. Die Laufbahnen zwischen Gabelstück und Griffstück. Sie tragen den gesamten verriegelten Rücklauf. Verharzung wirkt hier wie eine zusätzliche Bremse.
  3. Der Absatz, auf dem das Gelenk in Verschlussstellung aufliegt. Er trägt beim Schuss die volle Rückstoßkraft.
  4. Die Schließfeder im Griffrücken. Sie ist ohne Zerlegen des Griffstücks nicht zu beurteilen und bei einem neunzig Jahre alten Stück fast nie im Sollzustand.

Ein Nebenbefund der Bauart wird bei der Beurteilung oft übersehen. Die Kimme sitzt auf dem hinteren Kniegelenkglied, also auf einem beweglichen Bauteil. Spiel im Gelenk schlägt damit unmittelbar in Streuung durch und ist bei dieser Konstruktion ein Präzisionsbefund, nicht nur ein Verschleißbefund.

Die Stückzahl

AngabeZeitraumHerkunftBewertung
knapp 12.0001925–1934Forgotten Weapons, englische Wikipediaam häufigsten genannt
12.600Weimarer Zeitdeutschsprachige Auktionsbeschreibungpräziser formuliert, ohne erkennbaren Nachweis
rund 12.0001925–1933Objekthändlerdasselbe mit früherem Ende
rund 25.0001922–1932Buchverlag zur Parabellum-Literaturdoppelter Wert bei verschobenem Zeitraum
Nummern 1–10000 und 1a–ca. 2000aSammlerliteratureinziger objektnaher Anhalt

Die Nummernbereiche sind der einzige Befund dieser Tabelle, der auf überlieferten Waffen beruht statt auf einer Zählung; sie ergeben eine Obergrenze von etwa zwölftausend vergebenen Nummern und stützen damit die niedrigen Angaben. Die Zahl 25.000 ließe sich nur halten, wenn zwei getrennte Nummernkreise oder ein Instandsetzungsanteil mitgezählt würden; möglich ist das, belegt ist es nicht. Der redliche Satz lautet, dass die Neufertigung in der Größenordnung von zwölftausend Stück lag und die Angabe 25.000 vermutlich etwas anderes mitzählt; was, ist ungeklärt.

Zwölftausend Stück in neun Jahren sind gut 1.300 im Jahr. Die Gewehrfabrik Erfurt hatte 1876 rund 60.000 Gewehre jährlich gefertigt. Der Betrieb, der die Erfurter Maschinen übernahm, nutzte sie mit einem Bruchteil ihrer Leistung, genau so, wie es die Rüstungsbeschränkung vorsah.

Einordnung

Die deutsche Ordonnanzpistole der Zwischenkriegszeit kam neun Jahre lang aus einem Familienbetrieb in jüdischem Besitz. Aus dieser Konstellation folgt alles Weitere. Der Betrieb war groß genug, um die Reichswehr zu beliefern, und klein genug, um von einem Gauleiter genommen zu werden.

Am 28. November 1935 übertrugen Julius und Arthur Simson das Unternehmen unter vorgehaltener Waffe an Fritz Sauckel; aus dem entzogenen Vermögen wurde 1936 der Grundstock der Wilhelm-Gustloff-Stiftung. Die Werkslinie führt von dort über die Berlin-Suhler Waffen- und Fahrzeugwerke zu den Gustloff-Werken, also zu einem Betrieb, in dem ab 1942 Zwangsarbeiterinnen, Zwangsarbeiter und Häftlinge des KZ Buchenwald eingesetzt wurden; in denselben Werken lief 1945 die Fertigung des Volkssturmgewehrs. Siehe Die Waffenregion im Nationalsozialismus.

Für die Objektkunde heißt das: Suhler Pistolen 08 sind Erzeugnisse aus der Zeit vor dem Zugriff. Jedes dieser Stücke trägt den Namen einer Familie, die ihn 1935 verlor, und ist auf Maschinen entstanden, die anschließend demselben Zugriff unterlagen wie der Betrieb. Wer eine Simson-08 bestimmt, bestimmt zugleich einen engen Zeitraum: nach Versailles, vor der Enteignung.

Waffenrechtliches

Die Pistole 08 ist eine halbautomatische Kurzwaffe und damit keine Kriegswaffe nach dem Kriegswaffenkontrollgesetz, anders als die MP 18,I, mit der sie die Patrone teilt. Als Selbstladekurzwaffe ist sie erlaubnispflichtig; die Altwaffenfreistellung des Waffengesetzes greift bei ihr nicht. Dieses Register gibt keine Rechtsauskunft, maßgeblich ist die Entscheidung der zuständigen Behörde. Siehe Methodik.

Zwei praktische Hinweise für die Zustandsbeurteilung folgen aus der Bauart und nicht aus dem Recht. Ein Suhler Stück mit leerem Kammerdach ist regelmäßig originalbelassen und nicht überarbeitet. Ein nicht nummerngleiches Magazin ist bei dieser Waffe ein Vollständigkeits-, kein Funktionsmangel; die Magazine wurden dem Einzelstück zugeordnet.

Offene Forschungsfragen. Erstens die Stückzahl. Existieren Abnahmelisten oder Lieferunterlagen, die die Spanne zwischen zwölf- und fünfundzwanzigtausend entscheiden? Der Weg führt über die Simson-Überlieferung im Thüringischen Hauptstaatsarchiv; sie ist für diesen Eintrag nicht eingesehen. Zweitens der Umfang der Instandsetzung. Wie viele fremde Pistolen 08 gingen zwischen 1920 und 1934 durch Suhler Hände, und wie viele tragen heute deshalb Suhler Teile? Ohne diese Zahl ist jede Aussage über die Verbreitung „Suhler” Merkmale schief. Drittens Zeichen und Daten. Ist das gotische S Firmenzeichen oder Tarnkennzeichen? Zu entscheiden wäre das an Beschaffungsakten von 1933/34, nicht an Objekten. Und gibt es zu den umstrittenen Kammerdaten 1927 und 1928 Stücke mit geschlossener Nummernkette? Viertens der Übergang der Erfurter Einrichtungen. Was genau ging 1920 nach Suhl, also Werkzeuge, Vorrichtungen, Lehren, Halbzeuge, Fertigteile? Wurden Erfurter Rohteile in Suhler Pistolen verbaut? Diese Frage berührt die Zuschreibung unmittelbar und ist nur an einer größeren Vergleichsreihe zu beantworten. Fünftens, für dieses Register das Wichtigste: Ist die Betriebsüberlieferung 1925 bis 1935 so weit erhalten, dass sich Fertigung und Enteignung an denselben Akten darstellen lassen? Die Technikgeschichte dieses Gegenstands ist gut dokumentiert, seine Betriebsgeschichte nicht.

Konstruktion

Verschluss
Verriegelter Kniegelenkverschluss mit kurzem Laufrücklauf. Lauf und Gabelstück (Verschlussgehäuse) laufen gemeinsam zurück; das zweigliedrige Kniegelenk steht in Verschlussstellung knapp UNTERHALB der Verbindungslinie seiner beiden äußeren Achsen und sperrt sich dadurch selbst. Die Entriegelung erzwingen keine Federn, sondern zwei feste Anlaufflächen des Griffstücks.
Ladeprinzip
Rückstoßlader mit kurzem Laufrücklauf, verriegelt, aus dem geschlossenen Verschluss. Kein Gasdruckantrieb, keine Bremse — die gesamte Nachladearbeit leistet der zurücklaufende Baugruppenverband.
Zuführung
Einreihiges Stangenmagazin im Griffstück, 8 Patronen, Boden aus Holz. Magazine sind der Waffe nummerngleich zugeordnet; ein passendes Magazin ist daher Bestandteil der Zustandsbeurteilung, nicht Zubehör.
Abzug
Nur Single Action. Es gibt keinen Hahn: Der Schlagbolzen sitzt im Verschlusskopf und wird beim Öffnen des Kniegelenks gespannt. Die Abzugsstange läuft außen an der linken Gehäuseflanke.
Sicherung
Hebelsicherung links hinten am Griffstück; in der unteren Stellung wird das darunterliegende Wort GESICHERT freigelegt. Eine Griffsicherung hat die Ordonnanzausführung NICHT — sie findet sich an frühen Handelsmodellen und an einer kleinen Zahl nachträglich umgebauter Handelsstücke.
Visierung
Feste Kimme auf dem hinteren Kniegelenkglied, Korn auf dem Laufansatz. Die Visierlinie sitzt damit auf einem beweglichen Bauteil — eine Eigenart der Bauart, kein Mangel.

Maße und Leistung

Länge
ca. 222 mm
Lauflänge
100 mm (4 Zoll), Ordonnanzausführung
Gewicht
ca. 870 g ungeladen (Literaturwert der Ordonnanzausführung)
Magazin
8 Patronen
V₀
rund 320 m/s mit der Ordonnanzpatrone 08 — Literaturwert der P08 allgemein, an keinem Suhler Stück nachgemessen

Funktionsablauf im Einzelnen

Der Zyklus vom Schuss bis zur erneuten Verriegelung, Schritt für Schritt. Wer ihn benennen kann, hat die Waffe verstanden — Schwächen, Varianten und Ausfallbilder folgen daraus. Unbekannte Begriffe stehen im Glossar.

  1. 1

    Ruhelage — verriegelt

    Patrone im Lager, Schlagbolzen gespannt, Kniegelenk gestreckt. Der Gelenkbolzen in der Mitte liegt einige Zehntelmillimeter unterhalb der Linie zwischen der vorderen Achse (Verschlusskopf) und der hinteren Achse (Gabelstück) und stützt sich nach unten auf einen Absatz des Gabelstücks ab. Diese Übertotpunktlage ist die eigentliche Verriegelung: Eine nach hinten gerichtete Kraft kann das Gelenk nur weiter gegen den Absatz drücken, nicht aufknicken.

  2. 2

    Zündung

    Der Schlagbolzen zündet. Der Gasdruck presst den Hülsenboden gegen den Stoßboden des Verschlusskopfes; die Kraft läuft über beide Gelenkglieder in das Gabelstück und von dort in den Lauf. Verschluss, Gabelstück und Lauf sind in diesem Augenblick ein starrer Körper.

  3. 3

    Gemeinsamer Rücklauf — die verriegelte Phase

    Der Rückstoß treibt diesen Körper als Ganzes im Griffstück nach hinten, geführt in den Laufbahnen des Rahmens. Der Weg beträgt wenige Millimeter (der Eintrag zur Pistole 08 nennt etwa 6 mm); in dieser Strecke verlässt das Geschoss den Lauf und der Druck fällt. Solange das Gelenk gestreckt bleibt, ist der Verschluss zu — nichts an dieser Bewegung öffnet ihn.

  4. 4

    Entriegelung durch Auflaufen der Gelenkrollen

    Beidseits des mittleren Gelenkbolzens sitzen die gerändelten Griffrollen auf durchgehenden Zapfen. Diese Zapfen laufen gegen zwei feste schräge Anlaufflächen am hinteren Ende der Rahmenwangen. Die Schrägen drücken die Zapfen nach oben, das Gelenk wird über den Totpunkt gehoben und knickt nach oben aus. Erst jetzt trennt sich der Verschlusskopf vom Lauf. Der Verschleiß an genau diesen beiden Schrägen und an den Zapfen ist bei der Beurteilung eines Altstücks der erste Prüfpunkt.

  5. 5

    Auszug, Auswurf, Spannen

    Der aufknickende Verschlusskopf zieht die Hülse aus dem Patronenlager; der Auswerfer an der linken Gehäuseflanke schleudert sie nach oben aus. Der Auszieher steht dabei sichtbar auf und trägt die Aufschrift GELADEN — er ist zugleich Ladeanzeige und blind ertastbar. Gleichzeitig wird der Schlagbolzen in seiner Bohrung zurückgehalten und damit gespannt.

  6. 6

    Speichern der Rücklaufenergie

    Das hintere Gelenkglied trägt eine Kurvenfläche, die über ein Anschlussstück die Schließfeder im hinteren Griffkanal spannt. Die Schließfeder sitzt also nicht um den Lauf und nicht im Verschluss, sondern im Griff — daher die schlanke Bauform, und daher ist eine ermüdete Feder ohne Zerlegen des Griffstücks nicht zu beurteilen.

  7. 7

    Vorlauf und Zuführung

    Die Schließfeder streckt das Gelenk wieder und schiebt den Verband nach vorn. Der Stoßboden nimmt die oberste Patrone aus dem Magazin und führt sie über die Zuführrampe in das Patronenlager.

  8. 8

    Wiederverriegelung

    Lauf, Gabelstück und Gelenk laufen gemeinsam in die vordere Endlage. Das Gelenk geht dabei wieder unter die Strecklage und legt sich auf den Absatz des Gabelstücks. Die Waffe ist schussbereit; der Zyklus ist geschlossen.

Kniegelenkverschluss — verriegelter Rückstoßlader

Schemaskizze, nicht maßstäblich

1 2 3
  1. 1 Verriegelt: Die beiden Kniegelenkglieder stehen knapp unterhalb der Strecklage. Der Gasdruck kann sie nur weiter strecken, nicht aufknicken — das Gelenk sperrt sich selbst.
  2. 2 Gemeinsamer Rücklauf: Lauf, Gabelstück und gestrecktes Gelenk laufen verriegelt zurück. Die seitlichen Gelenkrollen erreichen die schrägen Anlaufflächen des Griffstücks.
  3. 3 Entriegelt: Die Rampen drücken die Rollen nach oben, das Gelenk knickt aus. Erst jetzt trennt sich der Verschluss vom Lauf.

Vergleichsstücke außerhalb der Region

Ohne Maßstab ist eine Regionalgeschichte eine Aufzählung. Erst der Vergleich mit der zeitgleichen Konkurrenz zeigt, was an einer Konstruktion eigenständig ist, was zeittypisch — und was schlicht übernommen wurde.

Pistole 08, Fertigung Gewehrfabrik Erfurt

Königlich Preußische Gewehrfabrik Erfurt · Deutschland (Erfurt) · 1911 gesichert
System
Dieselbe Konstruktion, dieselbe Patrone, dieselbe Bauform — verriegelter Kniegelenkverschluss mit kurzem Laufrücklauf
Unterschied
Kein konstruktiver, sondern ein Fertigungs- und Verfassungsunterschied: staatlicher Verwaltungsbetrieb mit Abnahme im eigenen Haus gegen privaten Auftragnehmer unter alliierter Kontrolle. Am Objekt trennt beide die Kniegelenkbeschriftung (ERFURT unter Krone gegen SIMSON & Co / SUHL) und die Abnahme (Krone über Buchstabe gegen Adler über 6).
Befund
Die wichtigste Gegenüberstellung dieses Registers: Die Maschinen sind dieselben. Was sich änderte, war der Eigentümer, der Staat und die Abnahmebehörde — und genau das ist am Stempelbild ablesbar.

Pistole 08, Fertigung DWM Berlin

Deutsche Waffen- und Munitionsfabriken, Berlin · Deutschland (Berlin) · 1908 plausibel
System
Dieselbe Konstruktion, Serienfertiger seit Einführung 1908
Unterschied
Der Betrieb, der die Waffe konstruktiv und fertigungstechnisch beherrschte und dessen Kapazität den alliierten Kontrolleuren gerade deshalb zu groß war. DWM wurde vom Reichswehrauftrag ausgeschlossen — nicht wegen mangelnder, sondern wegen zu großer Leistungsfähigkeit.
Befund
Erklärt die ganze Konstellation: Die Suhler Fertigung ist kein Ausweis Suhler Überlegenheit, sondern das Ergebnis einer Rüstungsbeschränkung, die Kleinheit belohnte.

Mauser C96

Waffenfabrik Mauser AG · Deutschland (Oberndorf am Neckar) · 1896
System
Verriegelter Rückstoßlader mit kurzem Laufrücklauf, Verriegelung über einen unter dem Verschluss schwenkenden Sperrblock, festes Kastenmagazin vor dem Abzug
Unterschied
Die unterlegene Bewerberin um dieselbe Ordonnanzentscheidung — und die Waffe, an der sich zeigt, dass die Entscheidung für die 08 zugleich eine Entscheidung für das Griffstückmagazin war. Für den Weimarer Zeitraum ist sie zusätzlich lehrreich: Mauser fertigte weiter, nur nicht für die Reichswehr.
Befund
Ordnet die Suhler Alleinstellung ein. Sie galt für die Ordonnanzpistole, nicht für den deutschen Pistolenbau insgesamt.

Walther PP / PPK

Carl Walther · Deutschland (Zella-Mehlis, Thüringen) · 1929 plausibel
System
Unverriegelter Masseverschluss bei feststehendem Lauf, Spannabzug, Kaliber 7,65 mm Browning
Unterschied
Zeitgleich, sechzig Kilometer entfernt, unter demselben Vertragsregime — und die Gegenprobe darauf, was die Beschränkung eigentlich traf. Sie traf die ORDONNANZfertigung. Eine Polizei- und Handelspistole in schwächerem Kaliber durfte Walther bauen, in Serie, mit einer für 1929 neuen Abzugsanlage.
Befund
Zeigt, worin die Suhler Fertigung tatsächlich besonders war: nicht in der Technik — die PP war die modernere Konstruktion —, sondern in der rechtlichen Stellung des Auftrags.

Bekannte Schwächen

Konstruktive und fertigungsbedingte Mängel gehören zur Objektkunde: Sie erklären Umbauten, Varianten und Ausfallbilder — und sind bei der Zustandsbeurteilung am Einzelstück unmittelbar praktisch.

  • Schmutz- und Verharzungsempfindlichkeit der Laufbahnen

    Der Verband aus Lauf, Gabelstück und Gelenk läuft in engen Bahnen des Griffstücks, und der Gelenkmechanismus liegt oben offen. Sand, Staub und alte, verharzte Fette bremsen den Rücklauf so weit ab, dass die Gelenkzapfen die Anlaufflächen nicht mehr sicher erreichen. Ausfallbild: unvollständiges Öffnen, stehenbleibende Hülse.

    plausibel

  • Munitionsfühligkeit

    Die Funktion hängt vom Druckverlauf ab, nicht nur von der Mündungsenergie. Die 08 verlangt Ladungen mit hinreichender Gasmenge über die verriegelte Wegstrecke; schwache oder schnell abbrennende Handelspatronen führen zu Funktionsstörungen. Bei einem Suhler Stück kommt hinzu, dass es kaum je neuwertige Federn hat.

    plausibel

  • Kleinserienfertigung mit alten Einrichtungen

    Rund zwölftausend Stück in neun Jahren sind gut 1.300 im Jahr — die Größenordnung einer Werkstatt, nicht einer Waffenfabrik. Gefertigt wurde auf Einrichtungen, die zu diesem Zeitpunkt bereits ein Jahrzehnt in Gebrauch waren. Die in der Sammlerliteratur wiederkehrende Beobachtung, Suhler Griffschalen seien merklich dicker als die anderer Fertigungen, ist ein Hinweis auf eigene Werkzeuge und eigene Toleranzlagen; gemessene Werte dazu liegen diesem Eintrag nicht vor.

    ungeklärt

  • Verwechslung von Fertigung und Instandsetzung

    Simson war nicht nur alleiniger Fertiger, sondern auch alleiniger Instandsetzer des vorhandenen Reichswehrbestands. Dabei wurden fremde Waffen mit Suhler Teilen versehen — namentlich mit Kniegelenken. Eine Pistole mit Suhler Beschriftung auf dem Kniegelenk und Erfurter oder Berliner Merkmalen am übrigen Stück ist deshalb im Regelfall KEINE Suhler Fertigung, sondern eine Suhler Instandsetzung. Das ist der häufigste Bestimmungsfehler an diesem Gegenstand.

    plausibel

  • Fälschungsanreiz durch Einzelteilkennzeichnung

    Die Herstellerangabe sitzt auf EINEM austauschbaren Bauteil. Die Suhler Fertigung ist zugleich die seltenste der drei großen P08-Linien und erzielt entsprechende Preise. Aus beidem folgt — dies ist eine Bewertung dieses Registers, keine Quellenaussage —, dass die Prüfung eines angeblichen Suhler Stücks niemals bei der Kniegelenkbeschriftung enden darf: Nummerngleichheit über alle Teile, Stempelbild und Schriftbild sind mitzuprüfen.

    ungeklärt

Verwendung

  • Reichswehr der Weimarer Republik, 1925 bis 1934 einziger zugelassener Neubaulieferant von Ordonnanzpistolen
  • Instandsetzung und Überholung des vorhandenen Reichswehrbestands an Pistolen 08 aus DWM- und Erfurter Fertigung
  • Landespolizeien und Behörden der Weimarer Republik
  • Nach 1935 Weiterverwendung der ausgelieferten Stücke in Wehrmacht, Polizei- und Behördenbeständen; einzelne Stücke später in Nachkriegsbeständen nachweisbar

Quellen

  1. [Online] Forgotten Weapons — Lugers Under Versailles: The 1926 Simson P08 , Erfurter Werkzeuge, Beginn 1925, knapp 12.000 Stück, Kammerdatierung Link
  2. [Objektbefund] Rock Island Auction — 1925 Dated Simson & Co. Suhl Luger Semi-Automatic Pistol , Objektbeschreibung eines datierten Stücks Link
  3. [Objektbefund] Legacy Collectibles — Simson Suhl & Co Luger , Objektbefund: Adler über 6 bis auf die Griffschrauben Link
  4. [Objektbefund] Legacy Collectibles — 1916/1920 Erfurt Luger — Weimar-Era Simson Rework , Objektbefund einer Suhler INSTANDSETZUNG an Erfurter Waffe; ausgetauschtes Kniegelenk, Kammerstempel 1920 als Reichswehr-Eigentumszeichen Link
  5. [Online] Gun Digest / Blue Book — Lugers — Simson & Co. Suhl, Germany , Ausführungsübersicht einschließlich S-Kniegelenk und Umbau mit Griffsicherung; Hinweis auf auffällig dicke Griffschalen Link
  6. [Online] Jan C. Still Lugerforums — On the S-Toggle (S-Code) Simson Luger , Rund 1.000 Stück der a-Serie, Ende 1933 bis Anfang 1934; zwei Deutungen. Sammlerforum — als solches gekennzeichnet, nicht als Beleg verwendet Link
  7. [Literatur] Tinker / Johnson — Simson Lugers: Simson & Co, Suhl, the Weimar Years , ISBN 978-0-9727815-1-0. Standardwerk zum Gegenstand — für diesen Eintrag NICHT eingesehen, hier als Nachweisweg für die offenen Fragen genannt
  8. [Literatur] Jan C. Still — Weimar and Early Nazi Lugers and their Accessories , Standardwerk zur Weimarer Abnahmepraxis — NICHT eingesehen
  9. [Online] Lugerpa / HLebooks — The Simson Luger — P08 , Abweichend: Zeitraum 1922–1932, rund 25.000 Stück Link
  10. [Online] Wikipedia (en) — Simson (company) , Auswahl wegen geringer Kapazität; etwa 12.000 Stück 1925–1934 Link
  11. [Online] Bundeszentrale für politische Bildung — EXIL #22 — Simson & Co.: Eine Familie, geschmiedet aus Stahl , Enteignung und Flucht der Familie Simson Link
  12. [Online] Wikipedia (de) — Parabellumpistole Link

Aus derselben Fertigung