Modell
Simson-Querflinte der Awtowelo-Zeit
- Fertigung
- Awtowelo
- Kaliber
- 16/70, 12/70
- Zeitraum
- 1946–1952
- Belegstatus
plausibel Begründung anzeigenBegründung ausblenden
Die technischen Angaben stammen aus zwei unabhängig katalogisierten Belegstücken mit Suhler Beschuss von Oktober 1947 und November 1950 sowie aus einer am Objekt vermessenen Beschreibung des Modells 71. Gesichert sind Bauart, Verriegelung, Abzugs- und Sicherungssystem sowie die Laufschienen-Beschriftung mit der Awtowelo-Firmierung. Ungeklärt bleibt, welche Modelle des Suhler Vorkriegsprogramms zwischen 1946 und 1952 tatsächlich noch liefen: Sämtliche datierten Belegstücke sind Querflinten. Die Modellbezeichnung „235" eines dokumentierten Stücks passt nicht in das überlieferte Suhler Nummernschema, in dem die Querflinten unter 7x geführt wurden.
So funktioniert sie
Ohne Fachbegriffe erklärt. Die genaue technische Beschreibung folgt darunter; wenn doch ein Wort unklar bleibt, steht es im Glossar.
Eine Flinte mit zwei nebeneinanderliegenden Läufen, ohne außen sichtbare Hähne. Zum Laden drückt man den Hebel auf dem Verschluss zur Seite; dadurch lösen sich die Riegel, und die Läufe kippen nach unten. Man legt in jeden Lauf eine Patrone; klappt man die Läufe wieder hoch, greifen zwei Riegel in Haken unter den Läufen und ein dritter, quer liegender Bolzen in eine Verlängerung der Laufschiene — deshalb hält der Verschluss auch bei den hohen Drücken einer Schrotpatrone sicher. Beim Öffnen wurden zugleich die beiden Schlagstücke im Inneren gespannt; sie sitzen samt Federn im Verschlussgehäuse, was dieser Bauart ihren Namen gab. Es gibt zwei Abzüge, einen je Lauf, sodass man die Wahl hat, mit welchem Lauf man schießt. Die Sicherung stellt sich beim Öffnen von selbst wieder ein — man muss sie also vor jedem Schuss bewusst lösen. Nach dem Schuss zieht ein Auszieher die Hülsen beim Kippen ein Stück heraus, sodass man sie mit den Fingern greifen kann; herausgeschleudert werden sie nicht.
Zwischen der Gustloff-Fertigung und der DDR-Jagdwaffenindustrie liegt eine Zwischenzeit, die im Register bislang fast leer war: die Jahre unter sowjetischer Verwaltung. Diese Flinte ist ihr Erzeugnis.
Was in Suhl nach 1945 überhaupt noch stand
Die Demontage traf das Suhler Werk hart: 4.313 von rund 5.200 Maschinen wurden abgebaut, die Zweigwerke Meiningen und Schmiedefeld vollständig. Was blieb, waren einige hundert Maschinen — die Quellen nennen 883 oder rund 1.200, ein Widerspruch, der sich nicht auflösen ließ.
Die Jagdwaffenfertigung lief trotzdem weiter, und zwar gezielt: Ein Befehl der Sowjetischen Militäradministration vom Januar 1946 ordnete ausdrücklich an, die Jagdwaffen fertigenden Betriebe von den zur Demontage bestimmten Fabriken zu trennen; den Leitern der Demontagebetriebe wurde jede Einmischung untersagt. Der Grund war Nachfrage: Jagdwaffen gingen als Reparationsleistung in die Sowjetunion und an sowjetische Offiziere. Der Plan für 1946 sah für das Suhler Werk 13.500 Stück vor; für 1948 sind 14.979 gefertigte Jagdgewehre überliefert.
Die verbreitete Darstellung, wegen eines Waffenverbots habe man auf Motorräder umgestellt, ist für Suhl damit widerlegt. Das Verbot galt nur unter US-Besatzung von April bis Juli 1945.
Datieren geht nur über den Beschuss
Für die Bestimmung ist der wichtigste Befund dieses Eintrags ein negativer: Das Fehlen der Awtowelo-Beschriftung schließt eine Fertigung dieser Jahre nicht aus. Auf den Laufschienen finden sich in derselben Zeit mindestens zwei Firmierungen nebeneinander:
| Beschriftung | belegt an |
|---|---|
SIMSON & Co. S. A. G. AWTOWELO. SUHL | Stück mit Suhler Beschuss November 1950 |
SIMSON & Co., SUHL (THÜRINGEN) | Modell 71 mit Beschuss Februar 1948 |
Die zweite ist die unveränderte Vorkriegssignatur. Wie der Gebrauch geregelt war — nach Absatzweg,
nach Modellklasse oder gar nicht —, ist unbekannt. Die Datierung eines Einzelstücks muss deshalb
über das Beschusszeichen erfolgen, dessen Datumscode aus Monat und den letzten beiden
Jahresziffern besteht: 1147 steht für November 1947. Nach 1945 bestand in der SBZ und der DDR nur
noch das Beschussamt Suhl.
Ein weiteres Merkmal ist zeitlich eng begrenzt: der Stempel „ТК im Stern” — kyrillisch für technische Kontrolle —, aufgebracht im Rahmen der sowjetischen Abnahme und nur zwischen Dezember 1945 und September 1946 verwendet. Ein Regelwerk dazu ist bis heute nicht bekannt.
Als Materialbefund kommt hinzu, dass in Suhl weiterhin Krupp-Laufstahl verbaut wurde, obwohl
Krupp den Namen nach 1945 offiziell nicht mehr führen durfte; dokumentiert sind Läufe mit den drei
Krupp-Ringen ebenso wie eine Aufschrift CRUPP-STAHL-ESSEN ohne Ringe. Der sowjetische Laufstahl
50A mit vier Ringen ist dagegen ein Merkmal der späteren VEB-Zeit.
Zur Werkslinie
Awtowelo war eine sowjetische Aktiengesellschaft — sowjetisches Staatseigentum auf deutschem Boden, kein deutscher Rechtsträger. Der Konzern umfasste mehrere Werke, darunter BMW Eisenach; in Suhl gehörte ihm nur das ehemalige Simson- und Gustloff-Waffenwerk. Die übrigen Suhler Häuser gingen andere Wege: Haenel kam zur SAG Präzisionsmaschinenbau, Sauer und Merkel wurden 1951 in Volkseigentum überführt. Wer „Suhl 1946–1952” liest, liest also nicht einen Betrieb, sondern mehrere — siehe Methodik.
Am 1. Mai 1952 endete die SAG-Zeit mit der Überführung in Volkseigentum.
Konstruktion
- Verschluss
- Kastenschloss nach Anson & Deeley (Schlagstücke und Federn im Verschlussgehäuse); Verriegelung über doppelten Laufhaken mit Purdey-Riegel und zusätzlichen Greener-Querbolzen in die Schienenverlängerung
- Ladeprinzip
- Kipplaufsystem, Einzelladung je Lauf
- Zuführung
- kein Magazin; beide Patronenlager offen zugänglich
- Abzug
- Doppelabzug, je ein Abzug für den rechten und den linken Lauf
- Sicherung
- automatische Kolbenhalssicherung, über einen Stößel mit der Verschlussplatte gekoppelt; zusätzlich Signalstifte an der Rückseite der Baskülenmuscheln als Ladeanzeige
- Visierung
- guillochierte Laufschiene mit Perlkorn, keine Kimme
Maße und Leistung
- Länge
- nicht überliefert
- Lauflänge
- 708 bis 719 mm an dokumentierten Stücken
- Gewicht
- 2.850 bis 3.050 g an dokumentierten Stücken
Funktionsablauf im Einzelnen
Der Zyklus vom Schuss bis zur erneuten Verriegelung, Schritt für Schritt. Wer ihn benennen kann, hat die Waffe verstanden — Schwächen, Varianten und Ausfallbilder folgen daraus. Unbekannte Begriffe stehen im Glossar.
- 1
Öffnen und Spannen
Der Verschlusshebel wird zur Seite geschwenkt; Purdey-Riegel und Greener-Querbolzen treten aus ihren Sitzen, die Läufe kippen um den Bolzen nach unten. Derselbe Bewegungsablauf spannt beide Schlagstücke im Kastenschloss und stellt die Kolbenhalssicherung selbsttätig zurück.
- 2
Ausziehen
Der Auszieher hebt die Hülsen um wenige Millimeter aus den Patronenlagern — an dokumentierten Stücken etwa 7 mm. Ein Ejektor, der die Hülsen auswirft, ist nicht vorhanden; sie werden von Hand entnommen.
- 3
Laden
In jeden der beiden Läufe wird eine Schrotpatrone eingelegt. Die Signalstifte an den Baskülenmuscheln treten hervor und zeigen den Ladezustand an.
- 4
Verschließen
Beim Hochschwenken der Läufe greifen die beiden Laufhaken in den Purdey-Riegel und der Greener-Querbolzen in die Schienenverlängerung. Diese Dreifachverriegelung nimmt den Gasdruck an drei getrennten Stellen auf.
- 5
Schuss
Nach dem Lösen der Kolbenhalssicherung gibt der jeweilige Abzug das zugehörige Schlagstück frei. Schlagbolzen und Hahn sind einteilig ausgeführt; ein Hahnabschlag entfällt.
Schemaskizze, nicht maßstäblich
- 1 Verriegelt: Der Verschlussblock ist als Ganzes nach unten in eine Rastfläche des Gehäuses gekippt und stützt sich dort ab.
- 2 Entriegelt: Der zurücklaufende Verschlussträger hebt den Block aus der Rastfläche aus; die Baugruppe läuft gemeinsam zurück.
Vergleichsstücke außerhalb der Region
Ohne Maßstab ist eine Regionalgeschichte eine Aufzählung. Erst der Vergleich mit der zeitgleichen Konkurrenz zeigt, was an einer Konstruktion eigenständig ist, was zeittypisch — und was schlicht übernommen wurde.
DDR-Bockdoppelflinte (Suhler Fertigung)
VEB Fahrzeug- und Jagdwaffenwerk „Ernst Thälmann" · DDR plausibel- System
- Kipplauf, übereinanderliegende Läufe
- Unterschied
- Dieselbe Fertigungslinie am selben Ort, aber die spätere Bauform: Aus der nebeneinanderliegenden Querflinte der Nachkriegsjahre wurde in der DDR-Fertigung zunehmend die Bockflinte mit übereinanderliegenden Läufen.
- Befund
- Der Wechsel folgte dem internationalen Markt, nicht einer regionalen Eigenheit — die Querflinte blieb daneben im Programm.
Quellen
- [Archiv] Staatsarchiv Meiningen — Findbuch-Vorwort „Fa. Simson u. Co. / Gustloffwerke Suhl", Landesarchiv Thüringen Link
- [Online] Fahrzeugmuseum Suhl — Geschichte der Simson-Werke Suhl (Jahreschronik mit Produktionszahlen) Link
- [Objektbefund] Dorotheum — Doppelflinte Simson – Suhl, Mod. 235, Kal. 16/70, Beschuss Suhl November 1950, Laufschiene „SIMSON & Co. S. A. G. AWTOWELO. SUHL" Link
- [Objektbefund] Dorotheum — Doppelflinte Simson – Suhl, Kal. 16/70, Nr. 75390, Beschuss Suhl Oktober 1947 Link
- [Literatur] C.I.P. — Beschusszeichen-Tafel „3. Deutschland", Ständige Internationale Kommission Link
- [Literatur] Fritze 2020 — Hans-Jürgen Fritze, Suhl — Heimat der Büchsenmacher, 399 S., ISBN 978-3-936632-58-3 (nicht eingesehen)