Modell
Modell W 625 (Einheitsmodell) — Simson, BSW und Gustloff
- Fertigung
- Simson & Co. , BSW , Gustloff-Werke Suhl
- Kaliber
- .22 lfB, 4 mm (Ausführung W 625 Z)
- Zeitraum
- 1933–1945
- Belegstatus
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Die technischen Angaben stammen aus dem Hauptkatalog der Berlin-Suhler Waffen- und Fahrzeugwerke von 1937 — also aus einer Primärquelle des Herstellers. Die Maßangabe „110 cm" ist im Katalog nicht eindeutig einer Länge zugeordnet und wird hier unaufgelöst wiedergegeben. Die Abfolge der Firmenbezeichnungen an derselben Modellreihe ist über Objektbelege und Sammlerliteratur gestützt, nicht archivalisch; der genaue Wechselzeitpunkt der Beschriftung ist offen. Abzug und Sicherung sind nur für die Meisterschaftsausführung beschrieben.
So funktioniert sie
Ohne Fachbegriffe erklärt. Die genaue technische Beschreibung folgt darunter; wenn doch ein Wort unklar bleibt, steht es im Glossar.
Ein einfaches Übungsgewehr für Kleinkalibermunition, von Hand geladen. Der Verschluss ist ein Stahlzylinder mit seitlichem Griff: hochdrehen, zurückziehen — dabei öffnet sich hinter dem Lauf die Ladeöffnung, und eine Feder im Inneren wird gespannt. Die Patrone legt man einzeln ein; ein Magazin gibt es nicht. Schiebt man den Zylinder vor, nimmt er die Patrone mit in den Lauf, und das Herunterdrehen des Griffs verriegelt das System. Die Besonderheit dieser Ausführung liegt im Spannvorgang: Er läuft über eine schräge Kurvenfläche, die beim Drehen des Griffs den Schlagbolzen zurückzieht. Dadurch braucht der Schlagbolzen nur einen sehr kurzen Weg von etwa sieben Millimetern, was das Schloss flach baut und den Abzug ruhig macht — für eine Waffe, mit der Zielen geübt werden soll, ist genau das der Punkt. Beim Auslösen schnellt der Schlagbolzen vor und trifft die Patrone am Rand. Danach beginnt der Ablauf von vorn.
Dieses Modell ist technisch unauffällig. Aufgenommen ist es aus einem anderen Grund: An ihm lässt sich eine Enteignung am Objekt ablesen.
Drei Namen, eine Konstruktion
Die Modellreihe 625 lief über den Eigentümerwechsel hinweg weiter. Dieselbe Modellnummer erscheint nacheinander mit drei verschiedenen Firmenbezeichnungen auf demselben Bauteil:
| Beschriftung | Zeitraum | Rechtsträger |
|---|---|---|
SIMSON bzw. SIMSON & Co. SUHL | bis Mitte der 1930er | Simson & Co., Familienunternehmen |
BSW Suhl | ca. 1936–1939 | Berlin-Suhler Waffen- und Fahrzeugwerke |
GUSTLOFF-WERKE / Waffenwerk-Suhl | ab 1939 | Gustloff-Werke, zusätzlich mit stilisiertem „G” |
Die Waffe dazwischen blieb dieselbe. Was sich änderte, war der Eigentümer — und zwar nicht durch Verkauf.
Was die Namen bedeuten
Simson & Co. war seit 1856 im Besitz der jüdischen Familie Simson und ab 1925 vertraglich der einzige Betrieb im Deutschen Reich, der Gewehre, Pistolen und Maschinengewehre für die Reichswehr fertigen durfte. Genau diese Stellung machte die Firma zum Ziel.
Der Ablauf lässt sich in seinen Schritten benennen: 1933 Verpachtung des Betriebs an eine eigens gegründete GmbH, deren Zweck die Entfernung des jüdischen Familiennamens war, mit einem NSDAP-Treuhänder an der Spitze. 1934 ein Schauprozess, dessen Angeklagte ein Jahr später aus Mangel an Beweisen freigesprochen wurden. August 1935 ein Revisionsurteil mit einer Geldbuße von 9,75 Millionen Reichsmark, aufbringbar nur durch erzwungenen Verzicht. November 1935 die Abtretungsverträge; Familienmitglieder befanden sich zur Erzwingung der Unterschriften in Haft. 1936 die Flucht der Familie in die Schweiz und weiter in die USA — eine Rückkehr gab es nicht. 1936 die Gründung der Wilhelm-Gustloff-Stiftung, deren Vermögensbasis weitgehend das enteignete Simson-Vermögen war. 1993 eine Ausgleichszahlung von 18 Millionen DM und die Rückübertragung von rund 140.000 Quadratmetern Grund.
Die Modellnummer auf dem Lauf hat davon nichts mitbekommen.
Warum das hierher gehört. Kennzeichnungskunde wird meist als Datierungshilfe betrieben. Sie ist mehr: Sie ist das einzige Merkmal, an dem sich Eigentums- und Rechtsformwechsel am Objekt selbst nachweisen lassen. Ein Stück dieser Reihe mit BSW-Beschriftung ist ein Sachzeugnis der „Arisierung” — und zwar eines, das ohne Aktenkenntnis lesbar bleibt.
Was BSW sonst baute
Der Hauptkatalog von 1937 nennt als Programm: Militärwaffen und -geräte, Jagdgewehre, Sportgewehre, dazu Fahrräder, Motorfahrräder, Freilaufnaben und Kinderwagen. Die Jagdwaffen liefen unter der Marke Astora, dazu Drillinge, Bockbüchsflinten und Taubenflinten mit Modellnamen wie „Monte Carlo” oder „Bahrenfeld”. Im Kleinkaliberbereich standen neben dem W 625 die BSW-Meisterschaftsbüchse (65 cm Lauf, 115,5 cm Gesamtlänge, ca. 3,65 kg, Mikrometervisier mit drei Kimmenformen) und das BSW-Sportmodell.
Die Ausführung W 625 Z war ein Zimmerstutzen im Kaliber 4 mm, eingeschossen auf 15 m, mit einem Abzugskanal für die Pulvergase im Lauf, sonst baugleich.
Militärisch fertigte BSW den Karabiner 98k und war dabei der einzige K98k-Hersteller, der sein Firmenlogo anstelle eines verschlüsselten Codes führen durfte — siehe Fertigungskennzeichen. Ab 1939 lief die Fertigung unter den Gustloff-Codes weiter; die Gewehre der ersten Gustloff-Serie sind beschussmäßig mit den BSW-Gewehren identisch.
Nicht belegt ist dagegen eine Luftdruckwaffenfertigung unter der Marke BSW: Weder der Firmenkatalog noch Museums- oder Auktionsquellen führen ein BSW-Luftgewehr. Die naheliegende Verwechslung ist BSF, die Bayerische Sportwaffenfabrik; Suhler Luftgewehre stammen typischerweise von Haenel. Der Zimmerstutzen W 625 Z besetzte funktional dieselbe Nische und dürfte einen Teil der Verwechslungen erklären.
Zwangsarbeit
Für die BSW-Zeit selbst liegt kein Befund vor. Für den Standort unter den Gustloff-Werken ist der Einsatz von KZ-Häftlingen belegt: Vom 15. Juli bis 1. Oktober 1943 bestand am Suhler Werk ein Außenlager des KZ Buchenwald mit ständig rund 80 Häftlingen, eingesetzt ausschließlich zum Bau eines Barackenlagers für ausländische Zwangsarbeiter, von Mitte August bis Ende September ohne Ruhetag. Ein Häftling, Edward Piskorz, wurde am 19. Juli 1943 von einem SS-Posten erschossen. Am Ort erinnert daran nichts.
Offene Fragen
- Wann genau wechselte die Beschriftung? Sammlerquellen berichten von einer Überlappung Simson- und BSW-markierter Teile nach 1935. Ein datierter Schnitt ist nicht bekannt; die Zuordnung eines Einzelstücks muss deshalb über das Beschusszeichen erfolgen.
- Ab wann gehörte BSW zur Gustloff-Stiftung? Die verbreitete Angabe lautet 1939. Der Firmenkatalog bezeichnet das Haus jedoch bereits 1937 als „Stiftungsbetrieb der Wilhelm-Gustloff-Stiftung”. 1939 war demnach die Umbenennung, nicht der Beginn der Stiftungszugehörigkeit.
- Wie viele Ausführungen der Reihe 625 gab es? Belegt sind unter anderem W 625 C und W 625 Z sowie eine als „625 B” beschriebene Simson-Ausführung. Eine gesicherte Übersicht der Buchstabenvarianten liegt nicht vor.
Konstruktion
- Verschluss
- Zylinderverschluss mit Kurvenspannung; Schlagbolzenweg ca. 7 mm
- Ladeprinzip
- Einzellader, Handbetätigung
- Zuführung
- kein Magazin; Patrone von Hand eingelegt
- Abzug
- bei der Meisterschaftsausführung mit einstellbarem Druckpunkt; für das Einheitsmodell im Katalog nicht gesondert beschrieben
- Sicherung
- für die Meisterschaftsausführung ist ein Sicherungsflügel am Schloss beschrieben; für das Einheitsmodell nicht überliefert
- Visierung
- Kurvenvisier mit Marken für 25, 50, 75, 100, 125, 150, 175 und 200 m
Maße und Leistung
- Länge
- 110 cm (Katalogangabe 1937; ob Gesamt- oder Lauflänge gemeint ist, geht aus der Formulierung nicht eindeutig hervor — für ein Gewehr dieser Klasse ist die Gesamtlänge naheliegend)
- Gewicht
- ca. 4 kg
Funktionsablauf im Einzelnen
Der Zyklus vom Schuss bis zur erneuten Verriegelung, Schritt für Schritt. Wer ihn benennen kann, hat die Waffe verstanden — Schwächen, Varianten und Ausfallbilder folgen daraus. Unbekannte Begriffe stehen im Glossar.
- 1
Öffnen und Spannen
Der Kammerstängel wird hochgedreht; dabei zieht eine Kurvenfläche den Schlagbolzen zurück und spannt die Schlagfeder. Anschließend wird der Verschluss nach hinten gezogen und gibt die Ladeöffnung frei.
- 2
Auswerfen
War bereits geschossen worden, nimmt der Auszieher die leere Hülse mit zurück, bis sie am Auswerfer anschlägt und aus der Hülse austritt.
- 3
Laden
Die Randfeuerpatrone wird einzeln von Hand eingelegt. Der Verzicht auf ein Magazin ist beabsichtigt: Er zwingt zum bewussten Einzelschuss und hält die Waffe für den Ausbildungszweck einfach und billig.
- 4
Verschließen
Beim Vorschieben schiebt der Verschluss die Patrone ins Patronenlager; das Herunterdrehen des Kammerstängels bringt die Verriegelung zum Tragen.
- 5
Schuss
Der Abzug gibt den Schlagbolzen frei. Er legt den kurzen Weg von etwa sieben Millimetern zurück und trifft den Patronenrand; die Randfeuerzündung setzt die Treibladung um.
Schemaskizze, nicht maßstäblich
- 1 Verriegelt: Zwei vordere Verriegelungswarzen am Kammerkopf liegen unmittelbar hinter dem Patronenlager in Rastflächen des Hülsenkopfs; eine dritte, hintere Warze dient als Sicherheitsreserve.
- 2 Entriegeln: Der Kammerstängel wird nach oben gedreht. Die Warzen treten aus den Rastflächen, und eine Steuerfläche zieht die Kammer zugleich ein Stück zurück — das löst die Hülse aus dem Lager (Erstauszug).
- 3 Zurückziehen und Vorschieben: Die Kammer läuft zurück, der Auszieher hält die Hülse, der Auswerfer wirft sie aus. Beim Vorschieben nimmt der Stoßboden die oberste Patrone aus dem Kastenmagazin mit; Niederdrücken des Stängels verriegelt erneut.
Vergleichsstücke außerhalb der Region
Ohne Maßstab ist eine Regionalgeschichte eine Aufzählung. Erst der Vergleich mit der zeitgleichen Konkurrenz zeigt, was an einer Konstruktion eigenständig ist, was zeittypisch — und was schlicht übernommen wurde.
Deutsches Sportmodell (DSM)
Mauser und weitere Fertiger · Deutsches Reich · 1934 plausibel- System
- Zylinderverschluss, Einzellader, .22 lfB
- Unterschied
- Das DSM war das normierte Einheitsmodell auf verkleinerter Mauser-Aktion, von rund einem Dutzend Firmen nach gemeinsamer Vorgabe gefertigt. Das W 625 lief demgegenüber als kommerzielles Modell des eigenen Hauses und erscheint mit eigener Modellnummer im Firmenkatalog.
- Befund
- Händlerbeschreibungen setzen beides regelmäßig gleich. Der Unterschied ist erheblich: Beim DSM ist der Fertiger nur über die Kennzeichnung zu bestimmen, beim W 625 über die Modellnummer selbst.
J. G. Anschütz Modell „Germania"
J. G. Anschütz, Germaniawaffenwerk A.G. · Zella-Mehlis plausibel- System
- Zylinderverschluss, Einzellader, .22 lfB
- Unterschied
- Dieselbe Gattung aus dem Nachbarort, mit vergleichbarer Visierteilung bis 200 m. Beide Waffen bedienen den Wehrsport- und Ausbildungsmarkt derselben Jahre.
- Befund
- Der Vergleich zeigt, dass die Bauform in der Region verbreitet war und nicht als Alleinstellung eines Hauses gelesen werden darf.
Quellen
- [Literatur] BSW-Katalog 1937 — Jagd- und Sport-Gewehre. Hauptkatalog und Preisliste 37 Jh, Berlin-Suhler Waffen- und Fahrzeugwerke GmbH (Faksimile, 56 Seiten) Link
- [Online] Wikipedia (de) — Simson (Unternehmen) Link
- [Literatur] Deutsche Biographie — Simson (Familienartikel, Neue Deutsche Biographie) Link
- [Online] Wikipedia (de) — Gustloff-Werke / Wilhelm-Gustloff-Stiftung Link
- [Objektbefund] American Rifleman — I Have This Old Gun — Simson W625B .22 Trainer Link
- [Online] Buchenwald-Außenlager — Außenlager Suhl (Gustloff-Werk / Heinrichswerk), Gedenkstätte Buchenwald Link