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Berlin-Suhler Waffen- und Fahrzeugwerke GmbH
Die Berlin-Suhler Waffen- und Fahrzeugwerke GmbH ist kein Betrieb, den man wie die übrigen Einträge dieses Registers lesen kann: Sie ist eine eigens für den Zugriff geschaffene Rechtsform, und ihre Geschichte ist die eines Raubs in fünf Schritten.
Die Chronologie
| Datum | Vorgang |
|---|---|
| 19. September 1933 | Simson & Co. KG verpachtet den Suhler Betrieb an die neu gegründete BSW GmbH. Zweck: den Familiennamen aus der Firma entfernen. Treuhänder wird Herbert Hoffmann, Berliner Kaufmann und NSDAP-Mitglied. |
| 1934 | Gauleiter Fritz Sauckel betreibt ein Verfahren in Meiningen gegen Arthur Simson wegen angeblicher Überteuerung von Reichsaufträgen — obwohl der Reichsrechnungshof keine überhöhten Gewinne festgestellt hatte. |
| 1935 | Freispruch mangels Beweisen. |
| August 1935 | Sauckel erwirkt ein Revisionsverfahren vor dem Oberlandesgericht Jena, unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Die Eigentümer werden verurteilt; die Geldstrafe ist anders als durch Abgabe des Werks nicht aufzubringen. |
| 28. November 1935 | Julius und Arthur Simson geben das Eigentum ab. Entschädigungslos. |
| 1936 | Die Familie flieht in die Schweiz und emigriert in die USA. Das geraubte Vermögen bildet den Gründungsstock der Wilhelm-Gustloff-Stiftung. |
| 1939 | Der Betrieb heißt fortan Gustloff-Werke, Waffenwerk Suhl. |
Der Ablauf ist kein Sonderfall, sondern ein Muster: Erst wird der Name entfernt, dann die Rechtmäßigkeit des Erwerbs bestritten, dann ein Gericht bemüht, dessen Urteil den Zugriff als Rechtsakt erscheinen lässt. Der Freispruch von 1935 zeigt, dass die Vorwürfe auch nach NS-Maßstäben nicht trugen — er wurde deshalb kassiert, nicht widerlegt.
Widersprüchliche Beträge. Die Quellen nennen eine Geldstrafe von 9,75 Millionen Reichsmark und eine „Wiedergutmachungssumme” von 1,75 Millionen Reichsmark. Ob es sich um zwei Vorgänge handelt — Urteilsstrafe und nachfolgende Ablösevereinbarung — oder um eine Verwechslung in der Literatur, ist hier ungeklärt. Beide Zahlen stehen deshalb nebeneinander. Zu klären am Bestand des Thüringischen Archivs.
Die Doppelrolle Sauckels
Wer sich diesen Betrieb aneignete, ist für die Geschichte dieser Region über den Einzelfall hinaus bedeutsam. Fritz Sauckel, Gauleiter von Thüringen, wurde 1942 Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz — der Organisator der Zwangsarbeit im gesamten Deutschen Reich. Er wurde 1946 in Nürnberg zum Tode verurteilt und hingerichtet.
Die Verbindung ist nicht bloß biografisch. Dieselbe Person, die 1935 einen jüdischen Familienbetrieb an sich brachte, verfügte ab 1942 über die Arbeitskräfte, mit denen dieser und die übrigen Betriebe der Region produzierten. Siehe Die Waffenregion im Nationalsozialismus.
Was in diesen sechs Jahren gefertigt wurde
Die Angaben sind dünn, und das ist ein Befund für sich. Belegt ist:
- Die Autofertigung endete am 1. September 1934.
- Ab 1936 lief das motorisierte Zweirad BSW 98 an, zunächst als Fahrrad mit Hilfsmotor eingestuft — der Anfang der Suhler Zweiradlinie, die über die AWO 425 zur Simson-Fertigung der DDR führte.
- Waffen und Luftgewehre liefen weiter, aber welche Modelle in welchen Stückzahlen, ist hier nicht belegt.
Nach Kriegsbeginn stellte der Betrieb — dann bereits als Gustloff-Werke — vollständig auf Waffen um: Karabiner, Maschinengewehre und leichte Flak. 1944 allein entstanden in Suhl annähernd 62.000 MG 42 und 2.500 Lafetten für die 2-cm-Flak 38. Zweigwerke bestanden in Schmiedefeld, Meiningen, Greiz und Litzmannstadt — dem besetzten Łódź.
Bedeutung für die Objektbestimmung
Die Bezeichnung BSW datiert ein Stück auf die sechs Jahre zwischen Verpachtung und Umbenennung. Sie ist damit eines der schärfsten Datierungsmerkmale des Registers — und zugleich eines der aussagekräftigsten: Sie markiert genau die Phase, in der der Betrieb den Eigentümern entzogen, aber noch nicht förmlich übertragen war.
Ein Stück mit BSW-Marke ist daher nicht einfach eine Suhler Waffe der 1930er Jahre, sondern ein Erzeugnis aus einem enteigneten Betrieb. Wer es beschreibt, sollte das dazusagen.
Offene Forschungsfragen. Fertigungsprogramm und Stückzahlen der BSW-Jahre. Die Kennzeichnungssystematik — trugen alle Erzeugnisse die Marke, oder nur bestimmte Sparten? Auflösung des Widerspruchs zwischen den Beträgen 9,75 und 1,75 Millionen Reichsmark. Die Rolle Herbert Hoffmanns über die Treuhänderschaft hinaus. Und die Frage, ob und in welcher Form die Familie Simson nach 1945 in Ost oder West jemals entschädigt wurde — nach gegenwärtigem Stand ist der Betrieb nie an sie zurückgegangen.
Rechtsform und Firmierung
- 19. September 1933
- Berlin-Suhler Waffen- und Fahrzeugwerke GmbH · eigens gegründete GmbH
Keine gewachsene Firma, sondern eine Rechtsform mit dem ausdrücklichen Zweck, den Familiennamen Simson aus der Firmenbezeichnung zu entfernen. Simson & Co. KG verpachtete den Betrieb an diese Gesellschaft. Treuhänder Herbert Hoffmann, Berliner Kaufmann und NSDAP-Mitglied.
- 28. November 1935
- entschädigungslose Übertragung an Fritz Sauckel · erzwungene Enteignung
Julius und Arthur Simson gaben das Eigentum ab, nachdem das Oberlandesgericht Jena im August 1935 unter Ausschluss der Öffentlichkeit eine Geldstrafe in Millionenhöhe verhängt hatte, die anders nicht aufzubringen war.
- 1936
- Einbringung in die Wilhelm-Gustloff-Stiftung · Übertragung an eine NS-Stiftung
Das geraubte Vermögen bildete den Gründungsstock der Stiftung — die Rechtsform, die den Raub als Wohltätigkeit auswies.
- 1939
- Gustloff-Werke, Waffenwerk Suhl · Eingliederung und Umbenennung
Fertigungsprogramm
- 1933–1939
- Waffen, Fahrräder, Luftgewehre
Welche Waffenmodelle in diesen sechs Jahren unter der Marke BSW liefen und in welchen Stückzahlen, ist hier NICHT belegt. Die Autofertigung endete am 1. September 1934.
- ab 1936
- motorisiertes Zweirad BSW 98
Zunächst als Fahrrad mit Hilfsmotor eingestuft. Der Beginn der Suhler Zweiradlinie, die über die AWO 425 zur Simson-Fertigung der DDR führte.
Standorte
- Suhl
Das gepachtete Werksgelände von Simson & Co.
Personen
- Herbert Hoffmann — eingesetzter Treuhänder, Berliner Kaufmann und NSDAP-Mitglied, ab 1933
- Fritz Sauckel — Gauleiter von Thüringen, Betreiber der Enteignung und Empfänger des übertragenen Eigentums; ab 1942 Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz und damit Organisator der Zwangsarbeit im gesamten Deutschen Reich. 1946 in Nürnberg zum Tode verurteilt und hingerichtet, ab 1933
- Julius und Arthur Simson — Eigentümer; nach Schauverfahren und Millionenstrafe zur Abgabe gezwungen, 1936 Flucht in die Schweiz, danach Emigration in die USA, bis 1935
Kennzeichen
Firmen-, Fertigungs- und Abnahmekennzeichen dieses Betriebs. Jede Zuordnung ist einzeln zu belegen — Kennzeichen bezeichnen eine Firma, nicht zwingend ein Werk.
-
BSWFirmenkennzeichen 1933–1939 plausibel
Zwangsarbeit — noch nicht geprüft
Für die BSW-Phase 1933–1939 ist der Einsatz von Zwangsarbeit hier NICHT geprüft. Für den unmittelbaren Nachfolger am selben Standort — die Gustloff-Werke Suhl — ist er gesondert ausgewiesen. Zu beachten ist die Doppelrolle Fritz Sauckels: Der Mann, der sich diesen Betrieb aneignete, organisierte ab 1942 die Zwangsarbeit im gesamten Deutschen Reich.
Stehende Regel dieses Registers: Bei jedem Betrieb, der zwischen 1933 und 1945 gefertigt hat, wird der Einsatz von Zwangsarbeit geprüft und der Stand ausgewiesen — auch wenn die Prüfung noch aussteht. Siehe Die Waffenregion im Nationalsozialismus .
Quellen
- [Online] Bundeszentrale für politische Bildung — EXIL #22 — Simson & Co.: Eine Familie, geschmiedet aus Stahl Link
- [Online] Wikipedia (de) — Simson (Unternehmen) — Enteignung 1933–1936 Link
- [Archiv] Archivportal Thüringen — Bestand Fa. Simson u. Co. / Gustloffwerke Suhl Link
- [Online] Wikipedia (en) — Simson (company) — aryanization and Gustloff transfer Link