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Hersteller · Suhl

Waffenfabrik August Menz, Suhl

1905–1937 KaiserreichErster WeltkriegWeimarer Republik1933–1945 plausibel

August Menz (geboren 1861) arbeitete als Mechaniker und Systementwickler, bevor er 1905 in Suhl eine eigene Firma gründete und 1908 mit der Regnum die erste eigene Pistole auf den Markt brachte. 1913 folgte die Menta, die Menz’sche Taschenpistole im Kaliber 6,35 mm Browning.

Die Liliput

Mit der Liliput brachte die Waffenfabrik August Menz eine der kleinsten jemals in Serie gefertigten deutschen Selbstladepistolen heraus — im Kaliber 4,25 mm.

Präzisierung. Dieses Register hatte die Patrone zunächst als „eigens für die Liliput geschaffen” geführt. Das ist falsch: Sie stammt als 4,25 mm Erika von Franz Pfannl aus Österreich und ist rund ein Jahrzehnt älter. Auch das Einführungsjahr 1920 ist durch Seriennummernbefunde strittig — Einzelheiten im Eintrag zur Liliput.

AbEntwicklung
1920 (strittig)Liliput im Kaliber 4,25 mm
1926leicht vergrößerte Ausführung im gängigeren 6,35 mm Browning
1927Einstellung der 4,25-mm-Variante
1937Übernahme durch die Berliner AG Lignose; Fertigung läuft mit denselben Werkzeugen in Suhl weiter

Für die Bestimmung wichtig: Dieselbe Waffe erschien unter mehreren Handelsnamen — Bijou, Kaba, Kaba Spezial, Okzet. Ein abweichender Schriftzug bedeutet hier also keine abweichende Fertigung. Das ist derselbe Befund wie bei V. C. Schilling und den Bergmann-Pistolen, nur umgekehrt: Dort wanderte der Fertigungsort unter fremdem Namen, hier wandert der Name über gleichbleibende Fertigung.

Einordnung

Menz gehört nicht zum militärisch-behördlichen Kernbereich, sondern zur zivilen Suhler Massenfertigung der Zwischenkriegszeit. Er steht hier, weil dieses Segment die wirtschaftliche Grundlage vieler Suhler Betriebe war, nachdem der Versailler Vertrag die Rüstungsfertigung beschnitten hatte — dieselbe Ausweichbewegung, die in Erfurt zur Ortgies-Großserie führte.

Zwangsarbeit — offen, mit einem chronologischen Argument dagegen

Dieses Register prüft bei jedem Betrieb, der zwischen 1933 und 1945 gefertigt hat, den Einsatz von Zwangsarbeit; siehe Die Waffenregion im Nationalsozialismus. Bei Menz spricht die Chronologie dagegen — aber die Chronologie ist ein Argument, kein Befund.

Menz bestand als eigenständige Firma bis 1937. Dann ging die Fertigung an die Berliner AG Lignose über. Eine zweite Darstellung datiert die Übernahme auf 1938 und nennt als Erwerber die Firma Theodor Bergmann Erben, unter deren Namen die Liliput danach lief; der Widerspruch ist hier nicht aufzulösen und wird stehen gelassen. Für die Frage der Zwangsarbeit ist er ohne Folgen, weil beide Daten vor Kriegsbeginn liegen.

Der massenhafte Einsatz ausländischer Zwangsarbeiterinnen, Zwangsarbeiter, Kriegsgefangener und KZ-Häftlinge in der deutschen Rüstungsindustrie begann mit dem Krieg und erreichte seinen Umfang ab 1942, als der Thüringer Gauleiter Fritz Sauckel Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz wurde. Für Suhl ist er ab 1940 dokumentiert:

  • Über 10.000 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter bei 23.000 Einwohnern und 75 Lager für die sogenannten Fremdarbeiter im Stadtgebiet. Das ist das Ergebnis einer zweibändigen Dokumentation, die rund 40 Jugendliche aus vier Suhler Schulen 1998 vorlegten. Firmenbezogen nennt sie unter anderem die Waffenfabrik Heinrich Krieghoff mit 792 Zwangsarbeitern bis 1944, Wilhelm Kober mit 210 und Friedrich Keilpart & Co. mit 109 im Jahr 1944.
  • Eine örtliche antifaschistische Darstellung nennt für die Suhler Rüstungsindustrie bis zu 8.500 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus der Sowjetunion, Polen, Frankreich, Belgien, Italien, den Niederlanden und der Tschechoslowakei; 150 von ihnen überlebten die Zwangsarbeit nicht. Die Zahlen 10.000 und 8.500 widersprechen einander nicht zwingend — die eine zählt die Stadt, die andere die Branche —, stammen aber aus verschiedenen Zusammenhängen und sind nicht gegeneinander geprüft.
  • Das einzige Außenlager des KZ Buchenwald in Suhl bestand vom 15. Juli bis 1. Oktober 1943. Die SS brachte 80 Häftlinge; insgesamt durchliefen 91 das Lager, die Belegung blieb konstant bei 80. Sie errichteten ausschließlich Baracken für die geplante Unterbringung ausländischer Zwangsarbeiter. Nur fünf galten als Facharbeiter, die übrigen als ungelernte Hilfsarbeiter; von Mitte August bis Ende September gab es keinen freien Tag mehr. Letzter Arbeitstag war der 30. September 1943, am 1. Oktober transportierte die SS die Häftlinge nach Buchenwald zurück. Auftraggeber war das Gustloff-Werk Suhl, auch „Heinrichswerk” genannt.

Menz gab es zu diesem Zeitpunkt seit sechs Jahren nicht mehr.

Warum der Status trotzdem „ungeprüft” lautet. Das Argument ist stark, aber es ist ein Argument und kein Befund: Keine der eingesehenen Quellen sagt aus, dass bei Menz keine Zwangsarbeit geleistet wurde — sie sagen nur, wann die Firma endete und wann der Einsatz in Suhl begann. Und für die Jahre 1933 bis 1937, in denen der Betrieb bestand und in die die Prüfpflicht dieses Registers ebenfalls fällt, ist überhaupt nichts nachgesehen. „Kein Befund” wäre hier eine Entlastung auf Vermutungsbasis; das Register vergibt sie nicht.

Was damit ebenfalls nicht entschieden ist. Am Standort wurde weitergefertigt. Was die Suhler Abteilung der AG Lignose beziehungsweise die Firma Theodor Bergmann Erben zwischen 1939 und 1945 herstellte und mit welchen Arbeitskräften, ist hier nicht geprüft. Die Literatur hält lediglich fest, die Liliput-Fertigung sei im Krieg „vermutlich” zugunsten der Rüstungsproduktion eingestellt worden — eine Vermutung, kein Befund. Wer die Werkslinie dieses Standorts über 1937 hinaus verfolgen will, muss dort ansetzen und nicht bei Menz.

Offene Forschungsfragen. Stückzahlen der Liliput je Kaliber, vollständige Liste der Handelsnamen, Verbleib der Fertigung nach der Lignose-Übernahme, Schicksal des Betriebs nach 1937, Datum und Erwerber der Übernahme (1937/Lignose gegen 1938/Theodor Bergmann Erben), Belegschaft und Arbeitskräfte bei Menz zwischen 1933 und 1937, Kriegsfertigung und Arbeitskräfte am Standort Suhl zwischen 1939 und 1945.

Rechtsform und Firmierung

1905
Waffenfabrik August Menz · Familienbetrieb
1937
Übernahme durch die AG Lignose, Berlin · Übernahme

Fertigung am Standort Suhl mit unveränderten Werkzeugen fortgesetzt.

Fertigungsprogramm

ab 1908
Selbstladepistole Regnum
ab 1913
Menta — Taschenpistole im Kaliber 6,35 mm Browning
1920–1927
Liliput im Kaliber 4,25 mm

Eine der kleinsten je in Serie gefertigten deutschen Selbstladepistolen. Die Patrone 4,25 mm wurde nicht für die Liliput geschaffen — sie stammt als 4,25 mm Erika von Franz Pfannl aus Österreich, rund ein Jahrzehnt früher. Auch das Einführungsjahr 1920 ist durch Seriennummernbefunde strittig; Einzelheiten im Modelleintrag.

ab 1926
Liliput im gängigeren Kaliber 6,35 mm Browning

Leicht vergrößerte Ausführung; die 4,25-mm-Variante entfiel 1927.

Standorte

  • Suhl

    Die Fertigung lief auch nach der Übernahme durch AG Lignose 1937 mit denselben Werkzeugen am Suhler Standort weiter.

Personen

  • August Menz — Gründer, geboren 1861; zuvor Mechaniker und Systementwickler, ab 1905

Kennzeichen

Firmen-, Fertigungs- und Abnahmekennzeichen dieses Betriebs. Jede Zuordnung ist einzeln zu belegen — Kennzeichen bezeichnen eine Firma, nicht zwingend ein Werk.

  • Liliput Modellname gesichert
  • Bijou, Kaba, Kaba Spezial, Okzet weitere Handelsnamen derselben Waffe plausibel

Zwangsarbeit — noch nicht geprüft

Ungeprüft, mit einem chronologischen Argument dagegen. Die Waffenfabrik August Menz bestand als eigenständiger Betrieb bis 1937 — nach abweichender Angabe bis 1938 — und damit vor dem massenhaften Einsatz ausländischer Zwangsarbeiterinnen, Zwangsarbeiter, Kriegsgefangener und KZ-Häftlinge in der deutschen Rüstungsindustrie, der erst mit dem Krieg einsetzte. Für Suhl ist Zwangsarbeit ab 1940 dokumentiert: über 10.000 Menschen und 75 Lager für die sogenannten Fremdarbeiter, für die Rüstungsindustrie werden bis zu 8.500 genannt, von denen 150 nicht überlebten. Das einzige Suhler Außenlager des KZ Buchenwald bestand vom 15. Juli bis 1. Oktober 1943 mit 80 Häftlingen in konstanter Belegung, 91 insgesamt, und arbeitete für das Gustloff-Werk. Menz gab es zu diesem Zeitpunkt seit sechs Jahren nicht mehr. Der Status bleibt trotzdem „ungeprüft" und nicht „kein Befund": Keine Quelle sagt positiv aus, dass bei Menz keine Zwangsarbeit geleistet wurde, und für die Jahre 1933 bis 1937, in denen der Betrieb bestand, ist nichts nachgesehen. Ausdrücklich nicht mitentschieden ist außerdem die Nachfolge am selben Standort: Für die Suhler Fertigung unter der AG Lignose beziehungsweise unter dem Namen Theodor Bergmann Erben bleibt die Frage ebenfalls offen.

Stehende Regel dieses Registers: Bei jedem Betrieb, der zwischen 1933 und 1945 gefertigt hat, wird der Einsatz von Zwangsarbeit geprüft und der Stand ausgewiesen — auch wenn die Prüfung noch aussteht. Siehe Die Waffenregion im Nationalsozialismus .

Modelle dieses Herstellers

Quellen

  1. [Online] Wikipedia (de) — Liliput (Pistole) Link
  2. [Online] Taschenpistolen.de — August Menz, Modell Liliput Link
  3. [Objektbefund] museum-digital — Pistole „MENZ" Kaliber 6,35 mm Link
  4. [Online] Gedenkstätte Buchenwald — Außenlager Suhl Link
  5. [Online] Berliner Zeitung — Getroffen in Suhl — Schüler erforschten die Geschichte der Zwangsarbeiter in ihrer Heimatstadt Link
  6. [Online] Alerta — Vom Tag der Befreiung und wie Täter zu Opfern werden Link